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Nachrichten aus Baden für Baden - Für Sie in der Region unterwegs

Lernort Bauernhof – Landwirtschaft meets Schule

Der Bauernhof als außerschulisches Klassenzimmer-Kinder und Jugendliche erleben Landwirtschaft hautnah

Ein Bauernhof ist der perfekte Ort, um Kindern und Jugendlichen die Herkunft, Erzeugung und Verarbeitung von Lebensmitteln greifbar zu vermitteln.

Der früher selbstverständliche Kontakt zwischen Landwirtschaft und Menschen geht immer mehr verloren. Mit ihm schwindet auch das Wissen über die Herkunft und Produktion von Lebensmitteln.

Der Lernort Bauernhof in Baden-Württemberg bietet eine einzigartige Gelegenheit und bietet ein enormes pädagogisches Potential. für Kinder und Jugendliche, die Landwirtschaft hautnah zu erleben und dabei zu lernen. Dieser außerschulische Lernort ermöglicht es den Kindern und Jugendlichen, einen direkten Bezug zur Natur und zur Nahrungsmittelproduktion herzustellen.

Im Projekt Lernort Bauernhof werden verschiedene Bildungsaktivitäten durchgeführt, um den Schülern ein umfassendes Verständnis für die Landwirtschaft zu vermitteln. Die Kinder und Jugendlichen haben die Möglichkeit, den Bauernhof zu erkunden, die verschiedenen Tiere und Pflanzen kennenzulernen und an praktischen Aktivitäten teilzunehmen.

Ein wichtiger Schwerpunkt liegt dabei auf dem Thema Nachhaltigkeit und dem verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen. Die Teilnehmer lernen, wie Lebensmittel erzeugt werden, wie man Tiere pflegt und welche Rolle der Umweltschutz in der Landwirtschaft spielt. Sie können beispielsweise beim Ernten von Obst und Gemüse helfen, bei der Fütterung der Tiere mitwirken oder bei der Pflege der Felder und Weiden mitwirken.

Die Arbeit auf dem Bauernhof fördert nicht nur das Verständnis für die landwirtschaftliche Praxis, sondern auch wichtige Kompetenzen wie Teamarbeit, Verantwortungsbewusstsein und respektvollen Umgang mit Tieren. Darüber hinaus ermöglicht der Lernort Bauernhof den Schülern, die Schönheit und Vielfalt der Natur zu erleben und ein Bewusstsein für die Bedeutung einer nachhaltigen Landwirtschaft zu entwickeln.

„Lernen auf dem Bauernhof“ in Baden-Württemberg ist somit ein wertvolles pädagogisches Angebot, das den Kindern und Jugendlichen eine einzigartige Lernerfahrung bietet. Es ermöglicht ihnen, über den Schulunterricht hinaus praktische Erfahrungen zu sammeln und ein tieferes Verständnis für die Landwirtschaft, die Wertschätzung für regionale Lebensmittel und die Natur zu entwickeln.

Wie kann ein Bauernhof dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche etwas über Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Ernährung lernen? Und wie können landwirtschaftliche Betriebe und Bildungseinrichtungen ihre Zusammenarbeit gemeinsam gestalten? Agrarpädagogin Ann-Kathrin Schmider - Zentrale Koordination Lernort Bauernhof in Baden-Württemberg gibt im Interview mit Region im Blick wichtige Einblicke über die Wichtigkeit des Lernort Bauernhof für Kinder und Jugendliche.

Agrarpädagogin Ann-Kathrin Schmider

Der Bauernhof als außerschulischer Lernort. Wie bzw. an welcher Stelle kann das Thema in den Unterricht eingebunden werden? 

Ann-Kathrin Schmider: Grundsätzlich befinden sich im Bildungsplan aufgrund der beiden Leitperspektiven „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“ und „Verbraucherbildung“ ganz viele Schnittstellen zwischen Unterricht in der Schule und dem außerschulischen Lernort Bauernhof, egal ob im Bereich der Grundschule oder auch in den Sekundarstufen. Vor allem Fächer wie Biologie, Alltagskultur und Ernährung, Sachunterricht/MeNuK, Technik, Sport und Ethik können vom außerschulischen Lernort Bauernhof profitieren. Themen wie Ernährungsbildung, Umgang mit Pflanzen, Tieren und der Umwelt sowie Lebensräume von Pflanzen und Tieren stehen hierbei im Mittelpunkt. 

Wie kann ein Bauernhof dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche etwas über Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Ernährung lernen? 

Ann-Kathrin Schmider: Am Lernort Bauernhof eignen sich die Kinder und Jugendlichen durch eigenes praktisches Tun in Anleitung durch die pädagogische qualifizierten Landwirt*innen vor Ort ein zukunftsrelevantes Wissen an. Hierzu gehört zum Beispiel auch, zu wissen, wie man nachhaltig konsumiert und worauf beim Lebensmitteleinkauf zu achten ist. Die Kinder und Jugendlichen lernen hierbei einiges darüber, wie wichtig es ist regional und saisonal vor Ort einzukaufen und was ihr Einkauf jeweils mit der Umwelt im In- und Ausland macht. Sie lernen beispielsweise auch Haltungsformen bei Tieren kennen und können sich so selbst eine Meinung bilden, welches Fleisch auch welcher Haltungsforum sie konsumieren möchten. All diese Inhalte gehören zur Bildung für nachhaltigen Entwicklung (BNE) und sollten noch viel mehr aus dem Bildungsplan herausgehoben werden, um eine zukunftsfähige Welt mit informierten Verbraucher*innen schaffen zu können. Nur durch das eigene Erleben verschiedener Zusammenhänge, können Kinder und Jugendliche ihr Handeln begreifen und was dies dann wiederum mit Nachhaltigkeit und Umweltschutz zu tun hat.

Was zeichnet außerschulisches Lernen im Vergleich zu schulischem Lernen aus? Lässt sich sagen, für welche Lerninhalte sich der Besuch eines Bauernhofes als außerschulischen Lernortes besonders empfiehlt? 

Wir bezeichnen das Lernen am außerschulischen Lernort Bauernhof immer gerne als „ein Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ – Genau dieses ganzheitliche Lernen zeichnet das außerschulische Lernen eben aus. Dadurch, dass die Kinder eigene haptische und praktische Erfahrungen machen, wird ihre intrinsische Motivation geweckt und sie sind angeregt immer mehr über ein bestimmtes Thema zu erfahren. Die intrinsiche Motivation, also die pure Neugierde, mit allen Sinnen die Natur, Tiere, Pflanzen und die Erlebnisse auf dem Bauernhof wahrzunehmen, sorgt dafür, dass in diesem Kontext erlerntes Wissen nachhaltig hängen bleibt. Die Kinder und Jugendlichen lernen also für die Zukunft. Kreisläufe werden durch Anfassen verstanden und dies motiviert natürlich. Gerade auffällig ist dies bei Kindern und Jugendlichen, die im schulischen Lernalltag vielleicht nicht immer ihre Stärken zeigen können– Zack, am außerschulischen Lernort sieht man plötzlich strahlende Augen, die sich über Erfolge freuen, weil sie etwas verstanden haben und es Ihnen auch noch Spaß macht! Außerdem sind die Kinder und Jugendlichen in Bewegung, sie sind an der frischen Luft und lernen, wie man gemeinsam im Team agiert, damit man Erfolge erlebt. Konkret alle Lerninhalte aufzuzählen, würde an dieser Stelle zu weit führen, denn dies sind tatsächlich einige! In Klasse 1 und 2, erlernen Kinder erste Zusammenhänge von Tieren, Pflanzen und verschiedenen Lebensräumen. Auch die Themen Müll und Umwelt spielen eine wichtige Rolle. In den Stufen 3 und 4 soll beispielweise eine Pflanze herangezogen werden und auch die Kartoffel ist neben verschiedenen Tierarten ein wichtiges Thema. Auch darüber hinaus gibt es viele weitere Unterrichtsinhalte, die zum außerschulischen Lernort Bauernhof passen. Natürlich kann dieser auch in den beiden Sekundarstufen eingebunden werden. Hier stehen Wechselseitigkeit von Mensch und Natur, sowie Themen rund um Ökologie, Genetik, Evolution und auch sehr aktuell das Thema Energie auf dem Lehrplan.

Pädagogik und Landwirtschaft miteinander zu verknüpfen - Landwirtschaft als Unterrichtsthema - Wie sieht ein Lehrplan aus?

Ann-Kathrin Schmider: Im derzeit bestehenden Bildungsplan befinden sich bereits unzählig viele Inhalte, die eine landwirtschaftliche Prägung haben und größtenteils aus Zeitmangel oder einfach auch mangels Fachwissens rund um die Landwirtschaft an den Schulen nicht in voller Tiefe bearbeitet werden können. Grundsätzlich sollen die Schüler*innen an den allgemeinbildenden Schulen ja keine landwirtschaftliche Ausbildung machen, aber ein gesunder Grundstein an Wissen über die Landwirtschaft wäre essenziell wichtig, um wieder ein gesünderes, verantwortungsvolles Miteinander zwischen Landwirtschaft und Verbraucher*innen zu erzielen. Die Themen hierbei sind natürlich sehr vielfältig: Tierhaltung, Ackerbau, Wiesen- und Weidewirtschaft, sowie auch ökonomische, ökologische und soziale Zusammenhänge von Produktionszweigen und Konsumgütern, die der Landwirtschaft entstammen. Ein ganz wichtiger Faktor ist nämlich, dass unseren Verbraucher*innen von morgen bewusst wird: Ohne Landwirtschaft - ohne regionale Landwirtschaft- gibt es auch keinen gefüllten Supermarkt und keine schöne Kulturlandschaft! 

Welche Möglichkeiten bietet der landwirtschaftliche Betrieb als Lernort Bauernhof und welche Voraussetzungen muss ein Betrieb erfüllen? 

Ann-Kathrin Schmider: Der landwirtschaftliche Betrieb als Lernort Bauernhof ermöglicht, dass ökologische, ökonomische und soziale Zusammenhänge verständlich vermittelt werden können. Dabei geht es um Prozessabläufe mit gesellschaftlichem Kontext und auch die Interaktion zwischen Mensch, Umwelt und Wirtschaft wird deutlich. Außerdem unterstützt der außerschulische Lernort Bauernhof ganz stark darin, dass Kinder und Jugendliche befähigt werden, sich aufgrund eigener Erfahrungen eine eigene Meinung zu bilden. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist auch, dass die Aufmerksamkeit, Ausdauer und Konzentration, sowie das Selbstwertgefühl enorm gesteigert werden.

Um als landwirtschaftlicher Betrieb ein qualifizierter Lernort Bauernhof zu werden, muss man ein aktiv wirtschaftender Haupt- oder Nebenerwerbsbetrieb sein, sprich auch eine Betriebsnummer besitzen. Ebenso ist ein grüner Berufsabschluss einer am Betrieb tätigen Person notwendig. Wenn dies erfüllt ist und der Betrieb die qualifizierenden Schulungen erfolgreich absolviert hat, kann er nach einem Betriebsbesuch zum Lernort Bauernhof qualifiziert werden.

Lernort Bauernhof als wichtiger Partner bei der Bildung in den Schulen. Wie sehen Sie den Lernort Bauernhof als Chance für unsere Schulen?

Ann-Kathrin Schmider: Gerade in der Zeit nach Corona haben wir immer wieder von unseren aktiven Betrieben die Rückmeldungen bekommen, dass die Nachfrage seitens der Schulen stetig wächst. Während der pandemie-bedingten Einschränkungen haben einige Schulen verstanden, dass es für Schüler*innen enorm wichtig ist, gemeinsam rauszugehen und im Team Zusammenhänge zu erforschen und selbst auch Verantwortung zu übernehmen. Zum Thema, wie ein außerschulischer Lernort die schulische Bildung bereichert, könnte man ganze Romane schreiben, denn dieser Mehrwert auf Augenhöhe ist einfach wahnsinnig wichtig. Vor allem wenn Kinder und Jugendliche, die in der Schule nicht unbedingt immer die besten Ergebnisse mit nach Hause bringen, merken, dass Sie wertvoll sind und sie eben auf einem anderen Gebiet der absolute Profi sind, können wir mit unserem Bildungssystem voranschreiten. Unser derzeitiges Bildungssystem muss sich dringend der heutigen Zeit, den aktuellen Möglichkeiten der Personaldecke und den zeitgemäßen, individuellen Anforderungen der Kinder und Jugendlichen in ihrem Lernverhalten anpassen.

Auf was sollte besonders geachtet werden, damit der Lerneffekt für die Schüler möglichst groß ist?

Ann-Kathrin Schmider: Am außerschulischen Lernort sind zunächst einmal alle die herkommen völlig gleich. Jede Schülerin und jeder Schüler hat die gleichen Startbedingungen und kann das tun, worauf sie oder er eben gerade Lust hat – Es gibt keinen Notenzwang und doch entstehen unglaublich gute Ergebnisse!

Ein ganz wichtiger Grundsatz: Der Besuch eines außerschulischen Lernort Bauernhofs stellt in keinerlei Hinsicht einen Ausflug dar – Wir haben einen Bildungsauftrag und daher erhalten die Schüler*innen auch nachbereitende Aufgaben, um das Erlernte zu vertiefen.

Unsere Landwirt*innen sind auch darauf geschult, bereits im Voraus ein vorbereitendes Gespräch mit der Lehrkraft zu führen, um passendes Material zur Vorbereitung des Themas an die Hand zu geben. Nur wenn ein Thema gut und fachlich fundiert eingeführt wurde, kann man am Betrieb inhaltlich mit den Schüler*innen arbeiten. Und im Nachgang gehört eine gute Nachbereitung dazu, um das Haptische noch einmal zu wiederholen und aufzubereiten. 

Was benötigt der Lernort Bauernhof für die Zukunft?

Ann-Kathrin Schmider: Ganz klar: Politische Unterstützung und finanzielle Mittel, fachlich gut ausgebildete Lehrkräfte, die offen sind für das außerschulische Lernen und weiterhin noch 

viel mehr motivierte Landwirt*innen, die sich dieser wichtigen außerschulischen Bildungsarbeit annehmen. Ein aktuell besonders präsentes Anliegen für die Zukunft ist es auch, dass Hürden und unnötig großer Aufwand beim Besuch außerschulischer Lernorte abgebaut werden müssen. Es liegt in der Verantwortung unseres Bildungssystems, außerschulische Lernorte als wertvoller und essenzieller Bestandteil in der Schulbildung attraktiv zu machen. 

Was macht den Bauernhof zum Lernort? 

Ann-Kathrin Schmider: Die natürlichen Gegebenheiten und die freie Natur, denn: Der Bauernhof ist eine Schule, die keine Schule ist, wie man sie kennt. Das Schulgebäude ist die freie Natur, das Klassenzimmer ist der Acker, die Wiese, der Wald und das Stallgebäude. Die Lehrer*innen sind die Pflanzen, die Tiere und die Menschen, die auf dem Hof leben. 

Wie kann ich Bauernhöfe als außerschulische Lernorte finden? Wo finden Lehrer Unterstützung auf der Suche nach einem geeigneten außerschulischen Lernort? 

Ann-Kathrin Schmider: Natürlich stehen wir von der Zentralen Koordination Lernort Bauernhof in Baden-Württemberg immer gerne bei allen Anliegen zur Verfügung. Hierzu kann man uns gerne immer eine Mail schreiben an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. oder uns auch anrufen und 0151/61652213 oder 0171/6820353.

Am einfachsten ist es, wenn man auf unserer Homepage unter www.lob-bw.de auf der Landkarte den gewünschten Landkreis anklickt, denn so werden einem fast alle qualifizierten Betriebe im jeweiligen Landkreis angezeigt und auch, welche Betriebsstrukturen diese haben.

Text: Daniela Hiebel / Bilder: Zentrale Koordination Lernort Bauernhof in Baden-Württemberg

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