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Antoine de Saint-Exupéry: „Mensch sein heißt verantwortlich sein“

Respekt am Beispiel der Feuerwehren im Landkreis Emmendingen

Respekt ein großes Wort in heutigen Zeiten. Wo beginnt er, wo hört er auf, warum überhaupt? Zählt Respekt aktuell noch zu unseren Wertvorstellungen?

Ich erinnere mich noch deutlich an meine Grundschulzeit und den Respekt, den ich vor den Lehrern, aber in erster Linie vor Rektor und dem Hausmeister hatte.  Und für mich selbst zählt ein respektvoller Umgang zum Alltag, ein Wert, den ich gerne an meine Kinder weitergegeben habe, den diese ebenso leben, wie ich.

Nicht jeder schätzt aber die Werte, die noch vor wenigen Jahrzehnten so im Fokus standen. Dennoch: In einer Welt, die oft von Konflikten, Meinungsverschiedenheiten und Ungerechtigkeiten geprägt ist, bleibt der Wert des Respekts eine tragende Säule für das menschliche Miteinander. Respekt ist nicht nur ein bloßes Gefühl der Anerkennung oder Höflichkeit, sondern ein grundlegendes Prinzip, das die Essenz unserer zwischenmenschlichen Beziehungen und unserer Gesellschaft formt. Es ist die Anerkennung der Würde, der Autonomie und der Grenzen anderer Menschen, unabhängig von ihren Meinungen, Überzeugungen oder Hintergründen.

Dennoch scheint es in der modernen Welt an Respekt zu mangeln. In den Schlagzeilen und sozialen Medien begegnen uns täglich Fälle von Respektlosigkeit, sei es in Form von verbaler Gewalt, Diskriminierung oder Missachtung grundlegender Menschenrechte. Die zunehmende Anonymität und Entfremdung in der digitalen Ära haben es oft einfacher gemacht, Respektlosigkeit zu verbreiten, ohne die unmittelbaren Konsequenzen zu spüren.

Der Mangel an Respekt hat tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Er untergräbt das Vertrauen zwischen Menschen, führt zu Spannungen und Konflikten in unseren Gemeinschaften und trägt zur Entfremdung und Einsamkeit vieler bei. Darüber hinaus beeinflusst er unsere politischen Diskurse, unsere Arbeitsumgebungen und unsere Familienbeziehungen.

Ich denke, man sollte keinesfalls vergessen, dass Respekt keine Einbahnstraße ist. Es erfordert eine bewusste Anstrengung von jedem Einzelnen, unabhängig von Alter, Geschlecht, sozialer Stellung oder kulturellem Hintergrund. Respekt zu zeigen bedeutet, anderen mit Würde und Höflichkeit zu begegnen, ihre Perspektiven anzuerkennen, zuzuhören und Konflikte auf konstruktive Weise zu lösen. In unserer Welt, die von Vielfalt geprägt ist, ist Respekt mehr als nur eine Tugend – er ist eine grundlegende Voraussetzung für das Zusammenleben in Harmonie und für die Schaffung einer gerechten und inklusiven Gesellschaft. Es liegt an jedem von uns, den Wert des Respekts zu erkennen und aktiv zu fördern, um eine Welt zu gestalten, in der jeder Mensch sich respektiert, gehört und geschätzt fühlen kann.

Bei den Feuerwehren ist Respekt von entscheidender Bedeutung
Ein Bereich, in dem der Wert des Respekts von entscheidender Bedeutung ist, ist die Feuerwehr. Feuerwehrleute riskieren täglich ihr Leben, um Leben zu retten und Eigentum zu schützen. Respekt ist nicht nur ein integraler Bestandteil der Teamdynamik innerhalb der Feuerwehr, sondern auch eine Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Bewältigung von Notfallsituationen. Respekt gegenüber den Kollegen, den Vorgesetzten, den Opfern und der Öffentlichkeit bildet das Rückgrat einer effektiven Feuerwehr. Es ermutigt zu klarer Kommunikation, Zusammenarbeit und gegenseitiger Unterstützung, selbst in den gefährlichsten Situationen. Der Respekt gegenüber den Feuerwehrleuten geht jedoch über die unmittelbare Anerkennung ihrer Arbeit hinaus; er manifestiert sich auch in der Gewährleistung angemessener Ausbildung, Ausrüstung und Unterstützung, um ihre Sicherheit und ihr Wohlbefinden zu gewährleisten. In einer Gesellschaft, die oft die heroischen Taten der Feuerwehrleute bewundert, ist es von entscheidender Bedeutung, dass dieser Respekt nicht nur in Worten, sondern auch in Taten zum Ausdruck kommt.

Bei der Feuerwehr herrschen noch Werte

Auf vielfältige Art und Weise kann man die Überschrift „Respekt“ journalistisch angehen. Ich habe mich für einen Besuch beim Emmendinger Kreisbrandmeister Christian Leiberich – seit fünfeinhalb Jahren in dieser Position - und dem Kreisjugendwart der Feuerwehr Emmendingen, Michael Köpfer, entschieden.

Köpfer legt mir sogleich eine bunte 30-seitige Broschüre der Jugendfeuerwehr BaWü auf den Tisch und im Vorwort von Dr. Frank Knödler (Präsident des Landesfeuerwehrverbandes BaWü) lese ich folgendes: „Das Akronym KaReVeTo, das sich aus den Worten Kameradschaft, Respekt, Verantwortung und Toleranz zusammensetzt, zählt zum festen Vokabular der Jugendfeuerwehr Baden-Württemberg. Hinter KaReVeTo verbirgt sich eine Wertevermittlung, die alle in der Jugendfeuerwehr Beteiligten auf Werte aufmerksam macht und ihnen die Bedeutung und Wirkung von Werten bewusst und erlebbar macht. Denn: In der Kindheit vermittelte Werte prägen den Menschen ein Leben lang. Von Klein auf wird so eine Grundeinstellung vermittelt, die bestimmt, was man im Leben schätzt und als wichtig empfindet.

Der entscheidende Erfolgsfaktor in der Strategie von KaReVeTo sei, da ist sich auch Michael Köpfer sicher, die praktische Umsetzung. Werte müssen gelebt werden. Ob im aktiven Vorgehen gegen Mobbing, bei der Rücksichtnahme auf vermeintlich Schwächere oder ganz generell mit der eigenen Haltung, sich ehrenamtlich zu engagieren und anderen Menschen in Not zu helfen. Gelebte Werte sind für unser Zusammenleben unverzichtbar und in Krisenzeiten wichtiger denn je.

Durch KaReVeTo stärkt die Jugendfeuerwehr BaWü die Werteerziehung und leistet dadurch einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung von Kindern und Jugendlichen in den über 1.000 Jugendfeuerwehren. Viele der Kinder und Jugendlichen, die KaReVeTo in der Jugendfeuerwehr erlebt und verinnerlicht haben, sind inzwischen längst zu einem Teil der Einsatzabteilungen geworden und tragen den Spirit von KaReVeTo dort weiter. Diese Broschüre werde fortlaufen aktualisiert und diene unter anderem, hier im Landkreis Emmendingen den 560 Jugendfeuerwehrangehörigen – darunter den 70 Kindern unter 10 Jahren als Leitbild. „Im Landkreis haben wir heute 1.800 Aktive und 600 Senioren“, ergänzt Christian Leiberich.

Die Feuerwehr ist traditionell in punkto Werten unterwegs

„Werte in der Gesellschaft sind heute ein Problem, aber die Feuerwehr ist traditionell unterwegs, bei uns zählen die Werte mehr als in der breiten Gesellschaft“, sagt der Kreisbrandmeister. Das sei für den einen oder anderen vielleicht eher rückständig, aber er, wie auch Michael Köpfer finden gerade diesen Ansatz gut. „Der Kitt unserer Gesellschaft passt nicht mehr zum gegenseitigen Umgang, passt nicht zu Toleranz oder Verantwortung.“ Früher hätten sich die Bürger oft selbst geholfen, heute jedoch haben gerade die Wehren mit einer „all-inklusive Mentalität“ zu kämpfen. Einfach die Leistungen des Staates in Anspruch nehmen für sich, man zahlt ja schließlich Steuern, das sei der Knackpunkt. Lapidar ausgedrückt, wurde früher die Katze selbst vom Baum geholt, so ruft man heute die 112.

Kameradschaft ist heute aktueller denn je
Das Gefüge Feuerwehr kann nicht funktionieren, wenn die „rote Linie“ mehrfach überschritten wird. Kameradschaft sei heute aktueller denn je, dazu muss man aber nicht die dicksten Freunde und Kumpel sein, sondern hier zählen der Verlass aufeinander, das Vertrauen, der Respekt. Wie sollte sonst wohl ein Einsatz und dessen Abarbeitung funktionieren? „Wir haben in der Feuerwehr eine militärische Führungshierarchie im Einsatz, einer sagt was, die anderen führen aus“, so der Kreisbrandmeister weiter. „Hochleistungs-Teams, die binnen kürzester Zeit entscheiden müssen bei einer sehr geringen Fehlertoleranz“, denn die könnte Menschenleben kosten. „Deshalb brauchen wir klare Strukturen“, sagen Leiberich und Köpfer unisono. Nach den Einsätzen wiederum folge das kollegiale Führen. Das sei gleichzusetzen mit „fordern und fördern“.

„Taten und Aktionen müssen wieder Konsequenzen erfahren, auch im Ehrenamt“, ist sich Leiberich sicher. Es gebe immer eine zweite und dritte Chance für jene Feuerwehrangehörige, die mal aus der Bahn ausscheren. Hier spricht Leiberich von der 80/20-Regel, die besagt, dass 80% Führungsfähigkeit auf 20 % der Mitarbeiter draufgehen, die mehr Zuwendung brauchen und das geht seiner Meinung nach auf Dauer nicht gut, denn alle anderen fühlen sich dadurch benachteiligt. Es liege auf der Hand, dass das Ehrenamt jeden brauche, aber in der Feuerwehr sei man konsequent mit jenen, denen es an den Werten mehrfach fehle.

Buntes Abbild der Gesellschaft
Für die Jugendarbeit gelte die Frage, was überhaupt die Werte sind und wie man sie mit Leben füllen kann, verweist der Kreisjugendleiter. Vieles reguliere die Gruppendynamik selbst, da könne schnell mal jemand wieder „eingefangen“ werden, der auf wertlosen Spuren wandelt. „In der Jugendfeuerwehr haben wir ein buntes Abbild unserer Gesellschaft und man darf nicht vergessen, Kinder sind ehrlich, die sondern schnell mal jemanden aus, der nicht in die Gruppe passt“, so Köpfer. Auch die inklusive Jugendfeuerwehr mit körperlich und geistig Gehandicapten gebe es – für Letztere kein Ankommen in der aktiven Wehr, aber warum nicht das Erlebnis Jugendfeuerwehr ermöglichen. Gerade auch in den Kinderfeuerwehren werden die Werte spielerisch vermittelt, zusammen ist die Gruppe stark, man ist Teamplayer und rettet gemeinsam den verunglückten Teddybären.
Je urbaner das Umfeld, desto weniger Wissen über das Ehrenamt Feuerwehr, sagen meine Gesprächspartner. Hier im ländlichen Raum sehe es mit Respekt gegenüber den Rettungskräften noch anders aus als in Hamburg, Mannheim oder Berlin und Freiburg. Oft seien es Sprüche, die man zu hören bekommt, körperliche Aggressivität bleiben hier noch aus, toi, toi, toi. „Im Dorf funktioniert noch die soziale Kontrolle“, weiß Christian Leiberich, allerdings liege die Sensationslust im Innersten der Menschen. So bleiben Video Drehs an Unglücksstellen und Fotos für die sozialen Netzwerke auch hier nicht mehr aus.

Stetiger gesellschaftlicher Wandel
Leiberich ist sich sicher. Dass es schon immer einen gesellschaftlichen Wandel gab und immer geben wird, das halte auch die Feuerwehr nicht auf. Er erinnert an die Bademode der 50er Jahre und die von heute und drückt damit auch den Wertewandel augenscheinlich in der Gesellschaft aus. „Das ganze Werte-Spiel beginnt im Elternhaus“, betont er.
„Wir müssen Respekt vorleben, das geht bei Kindern noch besser“, so Michael Köpfer.
Abschließend lasse ich die beiden Herren den Satz beenden:

Respekt ist für mich gegenseitige Achtsamkeit und Verantwortung gegenüber sich selbst und anderen (Christian Leiberich).

Respekt ist für mich, sich so zu verhalten, dass mein Gegenüber mich respektieren kann (Michael Köpfer).

Text/Fotos: Heike Scheiding

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