Zwischen Algorithmus und Authentizität – Wie KI und Social Media Marken neu erfinden

v.l.n.r: Felix Danberg, Dirk Böhme, Daniela Hiebel, Christian Steiger (Geschäftsführer von Lexware), Influencerin Lina Paltinat, Leon Saar (Creative Director der dieMEHRakademie GmbH), und Ruslan Ilyassov (Geschäftsführer von adstark).
Wenn ein Affe mit dem Regenschirm durch die Luft fliegt, ist klar: Die digitale Revolution ist nicht nur im vollen Gange, sie hat die Gesetze der Realität neu geschrieben. Im ausverkauften Hotel Nouri in Bad Krozingen wurde intensiv debattiert, wie Marken, Menschen und Märkte im Angesicht von Künstlicher Intelligenz (KI) und Social Media diese neue Realität navigieren können.
Die Veranstaltungsreihe „Blickpunkt starkes Netzwerk“, organisiert von Daniela Hiebel und Dirk Böhme vom Online-Magazin „Region im Blick“, bot eine Plattform für Wissen, Inspiration und persönliche Begegnung in der besonderen Atmosphäre des Nouri Hotels in Bad Krozingen.
Unter dem Titel „Social Media & KI – Neue Wege für Marken, Menschen und Märkte“ führte Moderator Felix Danberg durch den Abend und versammelte auf dem Podium führende Köpfe aus Technologie und Kommunikation: Christian Steiger (Geschäftsführer von Lexware), Leon Saar (Creative Director der dieMEHRakademie GmbH), die erfolgreiche Influencerin Lina Paltinat sowie Ruslan Ilyassov (Geschäftsführer von adstark).

Christian Steiger (Geschäftsführer von Lexware)
KI-Technologie als gigantische Chance
Christian Steiger (Lexware) betonte eingangs die rasanten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Aus unternehmerischer Sicht sieht er darin eine „gigantische Chance“ für die vier Millionen Kleinstunternehmen in Deutschland, dem Rückgrat der Wirtschaft. Seine Botschaft: „Keine Angst vor den Themen, sondern einfach machen.“
Laut Steiger werde KI die Unternehmenssoftware komplett verändern. Bei Lexware würden bereits etwa 80 Prozent aller Buchungen automatisiert, ein Skaleneffekt, der ohne Technologie nicht möglich sei. Dennoch sieht er auch Schattenseiten, allerdings weniger die technische Komplexität, als vielmehr den menschlichen Umgang damit. Der Lexware-Chef gestand: „Ich habe mehr vor den Menschen Angst, wie sie damit umgehen und wie weit sie Dinge zulassen.“ Steiger ist überzeugt, dass die Rolle von KI in der Unternehmenssoftware „alles auf dem Kopf stellen wird“.

Die erfolgreiche Influencerin Lina Paltinat
Tagebuch als Vollzeit-Job
Während die Technologie Prozesse rationalisiert, bleibe das Zwischenmenschliche der entscheidende Faktor für Erfolg. Diesen Punkt unterstrich Influencerin Lina Paltinat, deren Kanal von 98 Prozent Frauen verfolgt wird. Sie nutzt Social Media primär als „digitales Tagebuch“, teilt ihr Leben – inklusive Zwillingen, Alleinverdienerin und Reisen – und verzichtet bewusst auf KI für ihre Inhalte. Sie beschreibt sich als „nahbar und ehrlich“, zeigt sich beispielsweise ungeschminkt und spricht Tabuthemen an.
Im direkten Einfluss auf ihre Community motiviert sie Frauen, sich etwas zu trauen und Ängste zu überwinden, etwa die Vereinbarkeit von Karriere und Mutterschaft. Das Fundament ihres Erfolgs sieht sie im Vertrauen ihrer Follower. Unterdessen bezeichnet sie Social Media als die „Zukunft von Werbung“, hier erzeuge der Content „Conversion und Community“.

Leon Saar von der dieMEHRakademie
Interaktion ohne Filter
Leon Saar von der dieMEHRakademie beleuchtete, wie Social Media die Kommunikation von Marken revolutioniert hat. Die alten Gatekeeper (Zeitung, Fernsehen) seien passé. Heute könnten Unternehmen ohne Filter mit Menschen interagieren. Dies bedeutet jedoch auch Verantwortung: „Ich bin nicht mehr nur der Sender, sondern ich muss in einen Dialog treten.“
Saar betonte, dass im Marketing trotz aller Neuerungen eines gleich geblieben sei: „Menschen kaufen nicht Produkte, sie kaufen Emotionen.“ Um relevant zu bleiben, müssten Marken vor allem Authentizität priorisieren. Beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz mahnt er zur Vorsicht. Zwar sei KI ein hervorragender Sparringspartner für Impulse, dürfe aber niemals eins zu eins abgedruckt werden, da dies zu „seelenlosem Content“ führe. Die Kreativität des Menschen sei nicht ersetzbar, lediglich ergänzbar.

Ruslan Ilyassov (adstark)
Sichtbarkeit schlägt Reichweite
Ruslan Ilyassov (adstark) lenkte den Blick auf den Arbeitsmarkt und das Performance-Marketing. Im Recruiting sähen 51 Prozent der Unternehmen Social Media als wichtigsten Trend im Personalwesen. Ilyassov erklärte, dass KI schon lange eine Rolle gespielt habe, doch heute sei sie aufgrund neuer datenschutzrechtlicher Vorgaben (keine demografischen Angaben wie Alter oder Geschlecht beim Targeting) noch wichtiger.
Um den Streuverlust zu minimieren, seien der Aufbau eines Datenpools und die Erstellung „statistischer Zwillinge“ der Schlüssel. Gerade für den Mittelstand, der oft mangelnde Sichtbarkeit aufweise, sei es entscheidend, die richtigen Fachkräfte gezielt zu erreichen. Es geht nicht um die Masse, sondern um Relevanz. Indes: Bekanntheit löse zwar nicht den Fachkräftemangel, aber durch Sichtbarkeit könnten die richtigen Zielpersonen erreicht werden. Ilyassovs Credo: „Werde sichtbar.“
KI erfasst den White-Collar-Bereich
Einig waren sich die Diskussionsteilnehmenden darüber, dass die digitale Transformation Mut erfordere – und die Bereitschaft, mit hohem Tempo Schritt zu halten. Die White-Collar-Arbeitskräfte (Büroarbeit, Verwaltung, Management, Vertrieb, Finanzen, IT, Recht, Forschung und Entwicklung etc.), die bisher von Disruptionen verschont wurden, sehen sich nun direktem, gravierendem Wandel gegenüber.


