„Politisch endlich ins Handeln kommen“
IHK-Konjunkturumfrage zum Herbst / Stimmung hellt sich leicht auf
Die Reformerwartungen der deutschen Wirtschaft an die neue Bundesregierung sind hoch. Bisher bewirkt das politische Handeln aber noch keine positiven Veränderungen der Geschäftslage der Unternehmen.

IHK-Konjunkturpressekonferenz am Dienstag in Freiburg (von links): der Stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Alwin Wagner und Tobias Lanner, Geschäftsführer der Lanner Anlagenbau GmbH in Kippenheim.
Das zeigt die aktuelle Konjunkturumfrage der IHK Südlicher Oberrhein. Immerhin hat sich die Stimmung der Unternehmen weiter auf niedrigem Niveau verbessert. „Es ist der Silberstreif am Horizont“, sagt Alwin Wagner, der Stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Südlicher Oberrhein.
Wagner stellte am Dienstag die Ergebnisse der IHK-Konjunkturumfrage zum Herbst in Freiburg vor. „Das wirtschaftliche Umfeld ist nach wie vor turbulent“, sagte er mit Blick auf die Märkte im Ausland und die weltweite Zollproblematik. „Die Unternehmen geraten von verschiedenen Seiten unter Druck und stehen vor großen Herausforderungen.“ Das zeigt sich im Index der aktuellen Geschäftslage. Dieser verliert im Vergleich zum Frühsommer nochmals drei Punkte und erreicht mit fünf Punkten seinen niedrigsten Stand seit Herbst 2020 – eine Zeit, die noch stark im Zeichen der Covid-19-Pandemie stand. 26 Prozent der Unternehmen bezeichnen die derzeitige Geschäftslage als gut, mit 21 Prozent sind fast ebenso viele unzufrieden.
Für zarte Hoffnungsschimmer sorgen lediglich die Geschäftserwartungen. Sie steigen das dritte Mal in Folge auf minus drei Punkte an. Jedes fünfte Unternehmen rechnet wieder mit besseren Geschäften, 22 Prozent gehen vom Gegenteil aus. Erfreulicherweise sind es vor allem auch die Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, die wieder etwas positiver nach vorne schauen als zuletzt. Die Beilegung des Zollstreits mit den USA sowie die Ankündigungen eines expansiven Fiskalkurses sorgen offensichtlich für eine positive Erwartungshaltung in der Branche. Aktuell deutet sich jedoch an, dass es wieder zu neuen geopolitischen Verwerfungen in Form eines Handelskriegs zwischen den USA und China kommen könnte. Abzuwarten bleibt ebenso, inwieweit die Ausgabensteigerungen der Bundesregierung mit strukturellen Maßnahmen flankiert werden, sodass sie nicht in einem konjunkturellen Strohfeuer verpuffen.
Diese Befürchtung ist auch bei den Unternehmen weiter spürbar. Noch immer sehen 39 Prozent der Unternehmen am südlichen Oberrhein in den politischen Rahmenbedingungen ein Risiko für die eigene wirtschaftliche Entwicklung. In Anbetracht der Tatsache, dass die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung eigentlich höchste Priorität genießen sollte, wirken die bisher angestoßenen Reformen eher mutlos. „Die Erkenntnisse sind seit Jahren da – wir müssen politisch endlich ins Handeln kommen“, forderte Wagner.
„Die große Ankündigung von Reformplänen ist hinter dem zurückgeblieben, was die Wirtschaft gefordert und erwartet hat. Ist den politischen Entscheidungsträgern wirklich klar, was benötigt wird, um den Motor wieder anzukurbeln?“
Ein guter Indikator dafür, wie sehr die Unternehmen am südlichen Oberrhein an die Zukunftsfähigkeit ihres Heimatstandortes glauben, ist die Bereitschaft zu Investitionen. Die aktuelle Umfrage zeigt, dass das Investitionsklima sich im leicht negativen Bereich stabilisiert. 21 Prozent aller Unternehmen planen die Inlandsinvestitionen auszuweiten, während 24 Prozent sie zurückfahren wollen. Mit minus drei Punkten liegt der entsprechende Index weiterhin deutlich unter seinem zehnjährigen Mittelwert von zehn Punkten. Die Erweiterung von Kapazitäten wird als Investitionsmotiv nun wieder deutlich häufiger genannt. Von 19 Prozent steigt die Antwortoption auf 24 Prozent an. Vorherrschend bleiben jedoch der Ersatzbedarf mit 70 Prozent und Investitionen in die Digitalisierung mit 47 Prozent – ein Motiv, das seit Beginn dieses Jahrzehnts deutlich an Bedeutung gewonnen hat. „Größere Mittelständler in der Region setzen eher darauf, ihre ausländischen Standorte auf Vordermann zu bringen beziehungsweise auszubauen“, erfährt Wagner in seinen Gesprächen mit den Betriebslenkern.
Diese Einschätzung teilt auch Tobias Lanner, Geschäftsführer der Lanner Anlagenbau GmbH in Kippenheim. Er berichtete bei der Vorstellung der Konjunkturumfrage aus seinem Geschäftsalltag. Lanner ist mit seinen Anlagen zur Aufbereitung von Metallspänen weltweit in vielen Branchen unterwegs und spürt daher sehr genau, wie die Kunden aus der Industrie „ticken“. Kapazitätsausweitungen im großen Stil kann er derzeit nicht erkennen. „Die Inlandsnachfrage stagniert beziehungsweise ist in bestimmten Bereichen stark rückläufig. Viele Unternehmen bauen Stellen ab, verlagern Produktion.“ Die Stückzahlen in der Automobilindustrie seien rückläufig, die Musik bei der Herstellung von Fahrzeugen und Komponenten spiele im Ausland beziehungsweise beim Thema Automatisierung.
Dass dies Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat, liegt auf der Hand. Der Anstieg der Arbeitslosenzahlen macht sich auch im Kammerbezirk bemerkbar. Waren im September 2021 hier lediglich knapp 22.000 Menschen arbeitssuchend gemeldet, sind es nun bereits mehr als 28.000 – ein Anstieg von rund 28 Prozent in vier Jahren. Und die Zeichen stehen weiterhin auf Stellenreduzierung. Lediglich in den Dienstleistungsunternehmen halten sich Unternehmen mit expansiver und restriktiver Personalplanung die Waage, wie die IHK-Umfrage zeigt. In allen anderen Branchen wird in den kommenden zwölf Monaten mit einem Stellenabbau gerechnet. Mit minus elf Punkten befindet sich der Index der erwarteten Beschäftigung nun bereits zum siebten Mal in Folge im negativen Bereich.
Wie sieht das Gesamtbild aus? Die Angaben zur aktuellen Geschäftslage und den zukünftigen Geschäftserwartungen werden zum IHK-Konjunkturklimaindex kombiniert. Dieser kann Werte zwischen null und 200 annehmen, wobei Werte über 100 Wirtschaftswachstum anzeigen und Werte unter 100 auf eine Rezession hindeuten. Aufgrund der verbesserten Geschäftserwartungen gewinnt der Index im Herbst drei Punkte hinzu und steht nun bei 101 Punkten. Auffällig ist, dass der Wert für Baden-Württemberg drei Punkte niedriger liegt. Wagner sieht die Begründung hierfür in der vergleichsweise diversifizierten Wirtschaftsstruktur des südlichen Oberrheins.
Tobias Lanner sieht trotz der allgemeinen Investitionszurückhaltung hierzulande aber gute Marktchancen für sein Unternehmen, denn das Interesse an den Aufbereitungsanlagen aus Kippenheim sei weiter vorhanden. Es gebe einen großen Investitionsstau, der sich irgendwann auflösen werde. Gestiegene Rohstoff- und Energiepreise und der ungebrochene Trend zur Automatisierung sorgten dafür, dass Kunden beim Recycling genauer hinschauten und nach Kostenvorteilen suchten. „Der Trend geht dahin, Metalle sortenrein zu trennen.“ Tobias Lanner setzt zudem darauf, dass Kunden beim Gang ins Ausland auch auf die Produkte des Ortenauer Unternehmens zurückgreifen.
Um etwas Positives für den Standort Deutschland zu erreichen, sei die Senkung der Energiepreise essenziell. „Stahlhersteller fahren ihre Kapazitäten herunter, Gießereien schließen, weil die Energiepreise zu hoch sind“, sagte Lanner. An solchen Unternehmen hänge die inländische Versorgung mit Rohstoffen beziehungsweise Vorprodukten. Auch an das Thema Lohnnebenkosten müsse die Politik endlich ran. Noch nie gaben in einer IHK-Umfrage so viele Unternehmen (59 Prozent) an, dass die Arbeitskosten ein Risiko für die künftige Entwicklung ihres Betriebs darstellen. Alwin Wagner: „Wir haben bei den Lohnnebenkosten ein offensichtliches Problem, das von der Regierung leider wieder vertagt wurde.“
Die IHK Südlicher Oberrhein: Stark machen für rund 75.000 Mitglieder
Vom Kleinunternehmer bis zum Weltmarktführer – die IHK Südlicher Oberrhein vertritt die Interessen der Wirtschaft gegenüber Politik und Verwaltung. Wir beraten sowohl Startups als auch etablierte Unternehmen, Fachkräfte und solche, die es werden wollen, organisieren Prüfungen und trommeln bei Kommunen und Verwaltungen für optimale Standortbedingungen. Für den Staat übernehmen wir ausgewählte Aufgaben, informieren über neue Zoll-Richtlinien, Wachstumschancen auf ausländischen Märkten oder organisieren zahlreiche Netzwerktreffen und Veranstaltungen.


