Volksbank-Vorständin Irmgard Sachsenmaier über die Lage der Offenburger Wirtschaft
Resilient durch Branchenvielfalt
Deutschland droht 2025 bereits das dritte Rezessionsjahr in Folge. Ein wirtschaftlicher Trend, dem die Offenburger Wirtschaft mit ihrer Branchenvielfalt noch trotzen kann. Ein Gespräch mit Volksbank-Vorständin Irmgard Sachsenmaier über die aktuelle Situation, Investitionstrends und die Zukunft des Standorts.

Irmgard Sachsenmaier.
Frau Sachsenmaier, wie schätzen Sie die Situation der Offenburger Wirtschaft derzeit ein?
Irmgard Sachsenmaier: Die wirtschaftliche Lage in Offenburg zeigt sich insgesamt solide. Offenburg zeichnet sich durch eine stark diversifizierte Unternehmenslandschaft aus, die insbesondere im Mittelstand sichtbar wird: vom Handwerk über den Handel bis hin zur Industrie. Diese breite wirtschaftliche Basis trägt maßgeblich dazu bei, dass Offenburger Unternehmen auch in herausfordernden Zeiten eine vergleichsweise hohe Stabilität und Krisenresilienz aufweisen. Gleichwohl ist eine zunehmende Verunsicherung spürbar. Unternehmerinnen und Unternehmer sehen sich mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert, darunter steigende Energiepreise, geopolitische Spannungen, zollrechtliche Unsicherheiten, der Fachkräftemangel, allgemeine Kostensteigerungen sowie konjunkturelle Schwankungen. Zusätzlich führen die wachsende Regulierung und Bürokratie zu einer spürbaren Unzufriedenheit innerhalb der Wirtschaft. Trotz dieser Rahmenbedingungen zeigen sich die Offenburger Unternehmen bemerkenswert widerstandsfähig. Diese Robustheit ist insbesondere der vorausschauenden, langfristig orientierten und solide geführten Unternehmensstrategie vieler Betriebe zu verdanken.
Kommen derzeit viele Offenburger Unternehmerinnen und Unternehmer mit Investitionsplänen zu Ihnen?
Sachsenmaier: Ja, die Nachfrage nach Finanzierungen ist nach wie vor vorhanden, hat sich jedoch im Vergleich zu früheren Jahren spürbar gewandelt. Erweiterungsinvestitionen sind aktuell eher die Ausnahme. Diese Entwicklung ist vor allem auf die bestehende Verunsicherung zurückzuführen, bedingt durch die genannten Faktoren und die eingeschränkte bzw. erschwerte Planbarkeit zukünftiger Nachfragen auf den Absatzmärkten. Im Mittelpunkt stehen derzeit Ersatzinvestitionen sowie Maßnahmen zur Effizienzsteigerung und Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. Besonders häufig werden Investitionen in Digitalisierung, Automatisierung und energetische Optimierung getätigt, mit dem Ziel, die Betriebskosten nachhaltig zu senken. Als Bank begleiten wir unsere Kundinnen und Kunden gezielt bei der Umsetzung ihrer Vorhaben, indem wir individuelle Finanzierungslösungen entwickeln und geeignete Fördermittel einbeziehen. Dabei ist es uns ein besonderes Anliegen, nicht nur als klassischer Kapitalgeber wahrgenommen zu werden, sondern als strategischer Partner, der aktiv zur Entwicklung tragfähiger Lösungen beiträgt.
Wie werten Sie die Investitionsbereitschaft der hiesigen Unternehmen grundsätzlich?
Sachsenmaier: Aus unserer Sicht agieren die Offenburger Unternehmen bei Investitionen heute deutlich selektiver als in früheren Jahren – und das ist durchaus positiv zu bewerten. Unsere Kundinnen und Kunden treffen ihre Entscheidungen mit Bedacht und spürbarem Weitblick. In Kombination mit der Tatsache, dass sich die Unternehmen in der aktuellen Marktphase resilient zeigen, lässt sich erkennen, dass viele Unternehmen in der Vergangenheit strategisch richtige Entscheidungen getroffen haben.
Warum wollen Offenburger Unternehmen am Standort investieren?
Sachsenmaier: Offenburg bietet gute wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die den Standort für Unternehmen attraktiv machen. Unsere Kunden begründen ihre Entscheidung unter anderem oft mit folgenden Punkten: hohe Lebensqualität und Fachkräftebindung durch Natur, Kultur und familienfreundliche Angebote. Diese machen Offenburg attraktiv. Strategisch gute Lage durch die Autobahnanbindung und den Ausbau des Schienennetzes. Darüber hinaus besteht eine enge Verzahnung von Wirtschaft und Bildung, beispielsweise durch die Hochschule Offenburg mit ihren dualen Studiengängen sowie den regelmäßigen Start-up- und Gründerveranstaltungen. Ergänzt wird das Umfeld durch ein aktives Standortmarketing und eine engagierte WiFö. Diese enge Vernetzung schafft Vertrauen und gibt vielen Betrieben die Sicherheit, dass sich Engagement vor Ort lohnt.
Gibt es auch Hemmnisse für Investitionen?
Sachsenmaier: Ganz ohne Herausforderungen geht es natürlich auch in Offenburg nicht. Die Auswahl an geeigneten Gewerbeflächen dürfte größer sein. Und schließlich machen die vielen Vorschriften und Nachweispflichten, etwa im Bereich Nachhaltigkeit oder EU-Regulierung, besonders dem Mittelstand zu schaffen. Diese Bürokratie kostet Zeit und Energie, die eigentlich in die Weiterentwicklung der Betriebe fließen sollte. Wichtig ist aber: Diese Hemmnisse betreffen nicht nur Offenburg. Sie sind deutschlandweit spürbar – und zeigen, dass es vor allem auf bundes- und europäischer Ebene Verbesserungen braucht, um den Mittelstand zu entlasten und Investitionen wieder zu erleichtern.
Welche Voraussetzungen müssten verbessert werden, um Unternehmen hier vor Ort eine gute Zukunft zu garantieren?
Sachsenmaier: Wir müssen alles daransetzen, dass Unternehmen hier auch künftig die richtigen Rahmenbedingungen vorfinden. Dazu gehört in erster Linie der Zugang zu qualifizierten Mitarbeitenden – sei es durch gute Ausbildung, gezielte und vor allem qualifizierte Zuwanderung oder eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Langwierige Genehmigungsverfahren und komplexe Auflagen bremsen Investitionen – hier bedarf es an Geschwindigkeit und Vereinfachungen. Wenn wir in diesen Punkten Fortschritte machen, dann bleibt Offenburg ein starker Wirtschaftsstandort mit hoher Lebensqualität. Als regionale Genossenschaftsbank gehen wir hier bereits mit gutem Beispiel voran und tragen dazu bei, dass Investitionsprojekte schneller umgesetzt werden, indem wir die gesamte Investitionsplanung begleiten, Finanzierungen passgenau strukturieren und Fördermöglichkeiten aktiv prüfen. Wenn Wirtschaft, Politik und Finanzpartner an einem Strang ziehen, bleibt die Region auch für die Zukunft bestens gerüstet.
Zur Person:
Irmgard Sachsenmaier ist seit April 2024 Vorstandsmitglied der Volksbank eG – Die Gestalterbank. Sie verantwortet die Ressorts Firmenbank Markt, Beteiligungsmanagement und Zahlungssysteme Markt. Zuvor war sie mehr als 20 Jahre in verschiedenen Führungspositionen im Bankenbereich tätig, zuletzt als Bereichsleiterin und stellvertretendes Vorstandsmitglied bei der Kreissparkasse Ostalb in Aalen.


