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Nachrichten aus Ortenau

Anekdoten und harte Fakten

Stadtteilspaziergang in der Nordweststadt rund um den Franz-Volk-Park und Straßburger Straße

Gelebte Geschichte durften die etwa 40 Teilnehmer*innen des Stadtteilspaziergangs kürzlich in der Nordweststadt erfahren. Dieses Mal standen Straßburger Straße und der Franz-Volk-Garten auf dem Programm. Alt eingesessene Bewohner und Bewohnerinnen erinnerten sich. Inga Rosenkranz hatte in gewohnter Manier im Stadtarchiv recherchiert und füllte die Anekdoten mit historischem Wissen.

Die Teilnehmenden beim Stadtspaziergang im Franz-Volk-Garten, v.r. vorne die Akteur*innen Werner Kiefer, Wolfgang Knöpfler, Inga Rosenkranz und Sieglinde Führer

Wagner-Köppel

Zunächst begrüßte Quartiersmanager Simon Krummradt die interessierte Schar. Mit den Spaziergängen wolle man die Gemeinschaft fördern, die Identifikation mit dem Wohnviertel steigern und letztlich Freude bereiten sowie Erinnerungen wecken. Sieglinde Führer wohnt und lebt seit 54 Jahren in der Straßburger Straße. Sie berichtete aus dem Leben in den 1980-er Jahren und wie sie davor als Mädchen, zunächst in der Rheinstraße, mit Schule, Familie und wenig Freiheit in den Alltag eingebunden war. Damals gab es alles im Wohnviertel. Von der Apotheke über Bäckereien, Metzgerei, die florierende „Badenia“ als Gaststätte, die Offiziersmesse der Franzosen und einen Zahnarzt. Ihre Furcht vor diesem schien groß gewesen zu sein. Als sie ihren Sohn mitnahm, wurde er beiseite genommen und beschenkt, um das Geschrei der Mutter nicht zu hören. Wen wundert es, dass es heute einen Zahnarzt Führer in Offenburg gibt? Sieglinde Führer erzählte auch vom Kurzwarengeschäft, wo es alles für häusliche Näharbeiten gab. „Man musste nicht 50 Nadeln kaufen, eine reichte ja auch.“

Werner Kiefer erinnerte an die Industriebahn, die damals durch das Gebiet am Freiburger Platz fuhr und mit ihrer Trasse den Weg für die heutige Freiburger Straße vorbereitet hat. Er hatte zum Stadtspaziergang ein Glasplakat der Firma Borsi mitgebracht. Klaus Schott erinnerte sich an die alte Tankstelle Lehmann, auf deren Gelände später das Kreiswehrersatzamt errichtet wurde. Die gutgehende Gaststätte „Windeck“ diente für Familienfeiern aller Art. Und in deren Keller traten zeitweise Bands auf und es wurde ordentlich abgerockt! Im Schreib- und Geschenkeladen Jörns wurden die Augen der Kinder immer größer ob der vielen Verlockungen. Hier wurde der Grundstein für Sieglinde Führers Puppensammlung gelegt. Die schönen Wesen füllen mittlerweile ein ganzes Zimmer in ihrer Wohnung.

Gestaltete Natur

Inga Rosenkranz skizzierte die Entstehung des Franz-Volk-Parks. 1904 eingeweiht mit einer schwülstigen Weiherede von Bürgermeister Hermann und unterstützt durch die „trefflich spielende Kapelle“ sollte die gestaltete Natur vor allem die Kinder moralisch bilden. Es gab sogar einen Teich, in dessen Mitte ein Postament stand, geschaffen von Börner und Föhrenbach. Mit Schwan und nacktem Jungen obenauf und seitlichen Wasserspeiern ausgestattet, ist der Schwanenteich längst in Vergessenheit geraten. Dass hier einst eine Folterstelle der Hexenprozesse gewesen sein soll, rief unter den Teilnehmenden Erstaunen hervor.

Wolfgang Knöpfler wurde in der Franz-Volk-Straße 26 geboren und hat dort seine Jugend verbracht. Er berichtete aus den Kriegsjahren, wie Bomben auf die Stadt fielen und er als Kind die Granaten in der Hecke versteckt hat. Unter allen Häusern waren die Keller miteinander verbunden und dienten als Luftschutzbunker. Nach Kriegsende befand sich in der einstigen Gaststätte „Waldhorn“ das Brotlager der Französischen Besatzer. Die Herren schilderten vortrefflich, wie es ihnen doch gelang, hier und da ein Brot zu stehlen und es mutig unter der Jacke nach Hause zu tragen. Ganz oben in den Verästelungen der Rotbuche im Volksgarten – so sagten die Leute damals zum Franz-Volk-Garten – befinden sich die Initialen „WK“ für Wolfgang Knöpfler, ließ der Zeitgenosse verschmitzt vernehmen.

Der nächste Stadtteilspaziergang findet am Donnerstag, 18. Juli, 18.30 Uhr, statt. Themen werden die Okenstraße zwischen ehemaligem Gantereck und Bierablage sowie der Offenburger Erfinder Haselwander sein.

 

Text/Bild: Stadt Offenburg

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