Fit für den Klimawandel: Botanische Hitzehelden und kluges Grünflächenmanagment
Superhelden tragen nicht immer Umhänge. Manche stehen einfach still da, sind grün mit bunten Tupfen – und überleben wochenlange Hitze. Kehl hat zum Glück einige dieser botanischen Hitzehelden. Denn während Trockenheit und Temperaturen weit über 30 Grad vielen Bäumen, Rasenflächen und Gärten sichtbar zugesetzt haben, gibt es Grünflächen, die der Hitze erstaunlich gelassen trotzen.

Hitzehelden Steppensalbei
Dahinter steckt kein Zufall, sondern ein Konzept: Frank Wagner, seit zwölf Jahren stellvertretender Leiter des städtischen Betriebshofs, plant die städtischen Grünflächen längst mit Blick auf die Folgen des Klimawandels. Bei einem Rundgang zeigt er, wie hitzeresistente Stauden und Wildblumen, besondere Substrate und eine reduzierte, naturnahe Pflege dazu beitragen, dass städtische Flächen widerstandsfähiger durch heiße Sommer kommen.
An der Vogesenallee, unweit des Schulzentrums, steht Frank Wagner in einer auf den ersten Blick unscheinbaren Fläche. Bei genauerem Hinsehen steckt sie voller Leben: Wo früher intensiv gepflegte Rasen oder Wechselbepflanzungen wuchsen, blühen heute hitzeresistente Wildblumen, Stauden und heimische Gräser. Schon 2019 beteiligte sich Kehl am Projekt „Natur nah dran“ von NABU und Umweltministerium Baden-Württemberg. Rund 500 Quadratmeter Grünflächen wurden seitdem in artenreiche Wildpflanzenbiotope umgewandelt. „Die naturnahen Flächen dienen auch dem Erhalt der Artenvielfalt“, erklärt Wagner. Wildbienen, Schmetterlinge und Schwebfliegen finden hier Nektar und Pollen, gleichzeitig kommen heimische Wildpflanzen besser mit Trockenheit zurecht als der klassische Rasen oder pflegebedürftige Sommerblumen. Naturnahe Flächen sparen neben Wasser auch Pflegeaufwand. Auch aus diesem Grund hat sich das städtische Grünflächenmanagment bewusst vom traditionellen Wechselflor verabschiedet. Geranien, Begonien oder andere Pflanzen, die ständig gegossen werden müssen, sucht man heute vergeblich. Auch Herbizide kommen nicht mehr zum Einsatz. Entscheidend sei allerdings die richtige Pflege, weiß Frank Wagner, der statt häufigen Mähens auf den sogenannten Schröpfschnitt setzt. Dabei werden Langgraswiesen nur ein- bis höchstens zweimal jährlich gemäht – und zwar vor der Samenreife. Durch dieses Abmähen von schnellwüchsigen Pflanzen (im Volksmund: Unkraut) erhalten die langsamer wachsenden Wildblumen mehr Licht und können sich entfalten. „Wer aufmerksam unsere Grünflächen beobachtet, sieht immer etwas Neues blühen“, freut sich Frank Wagner. Ohne den Schröpfschnitt würden die Lichtkeimer am Boden absterben.

Hitzehelden Taglilie
Nur wenige Meter weiter befindet sich eine eingefasste Fläche, die Frank Wagner wie ein kleines Freiluftlabor angelegt hat. Hier lässt sich unmittelbar vergleichen, wie unterschiedlich verschiedene Begrünungsformen funktionieren. Neben einer klassischen Blumenwiese, die durch die Trockenheit der vergangenen Wochen etwas struppig geworden ist, befindet sich ein Staudenbeet mit speziell entwickeltem mineralischem Substrat sowie ein herkömmliches Schotterbeet. Der Unterschied wird schnell deutlich: Während unter einer typischen Schotterfläche oft Gartenvlies liegt, das ein Bodenleben weitgehend unterbindet, schaffen die Staudenbeete Lebensraum für Mikroorganismen, Würmer und Insekten. Spezielles Substrat zwischen den Stauden speichert Regenwasser, sorgt für ausreichenden Luftaustausch und verhindert Staunässe. Hier wachsen Schafgarbe, Königskerze, Sonnenhut, Prachtkerze oder Sedum – Pflanzenarten, die selbst längere Trockenperioden ohne zusätzliche Bewässerung überstehen. Trotz aller Begeisterung für die robusten Staudenbeete betont Frank Wagner einen Punkt besonders: „Einen Baum ersetzt das alles nicht.“ Große Bäume blieben in einer Stadt wie Kehl unverzichtbar: „Sie spenden Schatten, kühlen ihre Umgebung durch Verdunstung und sind für das Stadtklima elementar wichtig. Zwar ergänzen sie die Hitzehelden am Boden, ersetzen können sie sie nicht.“
Mit diesem Wissen hat der stellvertretende Leiter des Betriebshofs bei der Neugestaltung des kürzlich wiedereröffneten Rosengartens die Herausforderungen des Klimawandels mitgedacht und rund 20 zusätzliche Jungbäume gepflanzt. Außerdem wurden mehrere tausend hitzeresistente Stauden gesetzt und etwa 1000 pflegeleichte Rosen gepflanzt. Das Beetmuster des Rosengartens orientiert sich an der natürlichen Struktur eines Blattes und erfüllt eine wertvolle Funktion: Zwischen den Rosen wachsen Stauden und Gräser, die den Boden beschatten und als Verdunstungsschutz wirken. Die Staudenbeete sind zusätzlich mit dauerhaftem Lavamulch abgedeckt: Das poröse Vulkangestein nimmt Regenwasser wie ein Schwamm auf und gibt es langsam wieder an die Pflanzen ab. Gleichzeitig verhindert es Verschlämmung, reduziert Unkrautwuchs, hält Schnecken durch scharfe Kanten fern und muss, anders als Rindenmulch, nicht regelmäßig erneuert werden.
Ein weiteres wichtiges Gestaltungselement ist die Entsiegelung aller Wege des Rosengartens. Die wassergebundenen Beläge heizen sich nicht wie Stein oder Beton auf und nehmen Regen auf, der in die umliegenden Bereiche versickern kann. So bleibt das Wasser dort, wo es fällt: ein zentraler Gedanke des Schwammstadt‑Prinzips, das Städte widerstandsfähiger gegen den Klimawandel macht. Ganz ohne Bewässerung kommt der Rosengarten zwar nicht aus; er wird jedoch nicht mit Trinkwasser versorgt, sondern über eine Pumpanlage mit Wasser aus dem Altrhein bewässert. Frank Wagner und sein Team zeigen auch mit dem neu angelegten Rosengarten, wie eine kluge Gestaltung Städte auch in sehr heißen Sommern widerstandsfähiger machen kann.

Hitzehelden Purpursonnenhut
Botanische Hitzehelden
In den städtischen Grünanlagen wachsen zahlreiche hitzeresistente Stauden, die wenig Pflege brauchen – und erst richtig aufblühen, wenn der Sommer brennt:
Die hitzebeständige Schafgarbe (Achillea) zählt zu den zuverlässigsten Hitzehelden. In Europa und Westasien heimisch, gedeiht sie selbst an trockenen, vollsonnigen Standorten. Sie ist bekannt für ihre wertvollen Inhaltsstoffe, die in Tee, Tinkturen oder Bädern eingesetzt werden und als wohltuend für die Gesundheit gelten.
Die Königskerze (Verbascum densiflorum) ist bekannt für ihre leuchtend gelben Blüten und ihre Fähigkeit, auch bei extremen Temperaturen zu überleben. An trockenen, sonnigen Standorten fühlt sie sich besonders wohl, gelegentliches Gießen genügt Ihr. Seit Jahrhunderten ist sie zudem fester Bestandteil der Naturheilkunde.
Der Purpursonnenhut (Echinacea purpurea) ist ein Klassiker für heiße Sommer. Er liebt vollsonnige Standorte und zeigt seine farbenprächtigen Blüten von Juli bis September, wenn er täglich sechs bis acht Stunden direktes Sonnenlicht erhält. Der Sonnenhut performt auch gut bei hohen Temperaturen.
Zart im Erscheinungsbild, aber erstaunlich widerstandfähig ist die Prachtkerze (Gaura lindheimeri). Ihre schmetterlingsartigen Blüten erscheinen von Juni bis Oktober. Für eine üppige Blüte benötigt sie täglich mehrere Stunden direktes Sonnenlicht. Dank ihrer Herkunft aus trockenen Regionen kommt sie auch mit längeren Trockenphasen gut zurecht.
Als ideale Begleitpflanze für heiße Standorte eignet sich die Echte Kornblume (Centaurea cyanus). Ihre intensiv blauen Blüten leuchten von Juni bis September und ziehen zahlreiche Insekten an. Auch sie benötigt täglich mehrere Stunden Sonne, um ihre volle Blütenpracht zu entfalten.
Der Steppensalbei (Salvia nemorosa) zeigt von Juni bis August seine markanten, aufrechten Blütenkerzen, die Bienen und andere Bestäuber anziehen. Er stammt aus trockenen, kontinentalen Regionen und ist daher bestens an Hitze und längere Trockenperioden angepasst. Mehrere Stunden Sonne täglich sorgen für eine besonders üppige Blüte.
Die Taglilie (Hemerocallis) beeindruckt mit gelb-roten Blüten, die sich zwar nur für einen Tag öffnen, dafür aber in großer Zahl erscheinen. Sie liebt sonnige Plätze und gilt als ausgesprochen hitzeresistent. Ihre fleischigen Wurzeln speichern Wasser und helfen ihr, Trockenheit gut zu überstehen.


