„Einklang in Vielfalt“: Das war die Lange Nacht der Demokratie in Kehl
Am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit hat das Kulturhaus am Freitag, 2. Oktober, Demokratie bis in die Nacht hinein erlebbar gemacht. Baden-Württemberg beging die „Lange Nacht der Demokratie“ zum zweiten Mal, in Kehl war es bereits die dritte Auflage, die unter dem Motto „Einklang in Vielfalt“ stand.

Workshops, Ausstellungen, Musik und Begegnungsformate zeigten, wie Engagement die Gesellschaft stärken kann. Mitmachen war ausdrücklich erwünscht. Höhepunkt der Veranstaltung war eine Lesung der deutsch-iranischen Journalistin, Politikwissenschaftlerin und Ärztin Gilda Sahebi mit anschließender Podiumsdiskussion.
Pünktlich um 16 Uhr gaben die HuPfe-Trommler der Diakonie Kork mit einem Konzert auf dem Kulturhausvorplatz den Startschuss. Für die Kleinsten gab es Kinderschminken, Malen und verschiedene Mitmachangebote; Demokratie im kleinen Format ließ sich bei den Spielen im obersten Stockwerk üben oder am Stand von „Balu und Du“ ausprobieren. Jugendliche und Erwachsene hatten die Wahl zwischen dem Serious Game „Deine Stimme“ und dem Lernspiel „Quararo – entscheide mit!“ – und konnten bei Quizformaten zu Fake News, Europa, Demokratie und Einbürgerungstest ihr Wissen testen und spielerisch das eine oder andere dazulernen.
Neben Spiel und Spaß standen Begegnung und Austausch im Mittelpunkt: Statt mit einem gedruckten Buch in den Händen ließen sich Besucherinnen und Besucher zu einem kurzen Gespräch mit einem anderen Menschen nieder, um dessen Lebensgeschichte zu hören und Fragen zu stellen. Ganz persönliche Eins-zu-eins-Lesungen bot der Deutsch-Französische Freundeskreis Kork an, und auf der öffentlichen Tagung des Netzwerks Migration und Miteinander drehte sich alles um die Frage „Was geht in Kehl für Vielfalt?“. Die Deutsch-Ukrainische Gesellschaft Ortenau informierte über demokratische Teilhabe, Resilienz und Engagement, während La Kunstschule im Gespräch die Grenzen politischer Kunst auslotete. Menschen aus der Region und ihre kurzen Statements zeigte die Fotoausstellung „Unsere Demokratie ist wichtig“. Kreative Zugänge zum Thema boten das Comic-Zeichenlabor, gemeinsame Lieder für Demokratie und das Karaoke im Kulturhaussaal. Zum Ausklang brachte schließlich das Jazz-Duo Jonas Menz (Klavier) und Krischan Lukanow (Saxofon) zahlreiche Gäste auf dem mit Feuertonnen und Lichterketten beleuchteten Kulturhausvorplatz zum Mitwippen.

Den inhaltlichen Höhepunkt der Kehler Langen Nacht der Demokratie bildete die Lesung der deutsch-iranischen Journalistin, Politikwissenschaftlerin und Ärztin Gilda Sahebi, die 1984 in Teheran geboren wurde, in Deutschland aufwuchs und 2022 vom Medium Magazin zur Politikjournalistin des Jahres gekürt wurde. Aus ihrem Buch „Verbinden statt spalten. Eine Antwort auf die Politik der Polarisierung“ las sie einen kurzen Auszug, anhand dessen sie zeigte, wie Polarisierung funktioniert – und warum uns letztlich mehr eint, als uns trennt. Ihre Kernthese: Vor allem autoritäre Kräfte profitieren vom Eindruck einer gespaltenen Gesellschaft. Dabei, das belegten Studien des Soziologen Steffen Mau, seien sich die meisten Menschen in inhaltlichen Fragen viel näher als vermutet. „Durch das ständige Behaupten einer Spaltung in Politik und Medien wird die Spaltung erst erzeugt.“
Gilda Sahebi benannte allerdings auch die realen Probleme, von denen autoritäre Kräfte zehren: So sei die Zahl derer, die mehr als 100 Millionen Euro besitzen, in Deutschland im vergangenen Jahr von 4000 auf 5000 gestiegen, während 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung gar keine Spareinlagen hätten. Studien der Universitäten Mainz und Osnabrück belegten zudem, dass die politischen Bedürfnisse von Menschen mit hohem Einkommen stärker umgesetzt würden: „Heute, hier in dieser Demokratie, zählt eben nicht jede Stimme gleich viel.“ Auch rassistische Einstellungen seien, auch das belegten Studien, meist mit ökonomischen Fragen verwoben. Dass diese Themen von demokratischen Parteien nicht angesprochen werden würden, während sie gleichzeitig Sparpläne umsetzten, sei ein Problem, deren Symptom die AfD sei: „Dann wundern sich die demokratischen Parteien, dass die Leute sagen: Ich wähle anders.“ In dieser Gemengelage sei eine Normalisierung von Rassismus, gerade durch Politiker demokratischer Partien, „wie das Feuer, das man ins Benzin wirft.“

In der von der SWR-Redakteurin Patricia Verne moderierten Podiumsdiskussion zeigte sich auch die Offenburger Künstlerin Jane Simon, Vorsitzende der Initiative für Sinti und Roma e. V., besorgt und verwies auf eine Studie, wonach 58 Prozent der Menschen Sinti und Roma als Nachbarn ablehnten: „Durch Hetze wird die Hemmschwelle für Gewalt geringer.“ Wo Jane Simon die Gefahr mitten in der Gesellschaft verortete, versuchte der emeritierte Pfarrer Ulrich Bock, der sich für die Rechte queerer Menschen einsetzt und mit einem Mann verheiratet ist, eine Erklärung: Wer ein Land schlechtreden wolle, brauche Schuldige – nach der Sündenbocktheorie seien es stets marginalisierte Gruppen, denen das angebliche Unheil angelastet werde.
Zwischen diesen Positionen hielt Gilda Sahebi fest, was beide im Kern verbindet: Es sei wahr, dass steigende Polarisierung immer auch steigende Gewalt bedeute. Aber es seien „nicht auf der einen Seite die Bösen und auf der anderen die guten Menschen“ – der politisch-mediale Raum stelle es nur so dar. Die Verantwortung liege bei den demokratischen Parteien und Kräften, diese Spaltungserzählung nicht zu übernehmen. Ihr Plädoyer: Nicht bekehren wollen, sondern verstehen: „Verstehen heißt nicht gutheißen, sondern klüger werden.“ Dass es nicht funktionieren würde, Menschen verändern zu wollen, zeigten die Wahlergebnisse. Sie versuche sich vielmehr immer von der Frage leiten zu lassen: „Was, wenn ich unrecht habe?“ Die Antwort auf diese Frage sei dabei absolut irrelevant: Doch sie öffne einen Raum, „in dem viel mehr Wahrheit liegt als in einer Polarisierung in Gut und Böse“ – einen Raum, in dem viel mehr Verbindendes als Spaltendes steckt.

demokratienacht-20: Gilda Sahebi liest aus "Verbinden statt spalten". Die anschließende Diskussion mit der Offenburger Künstlerin und Aktivistin Jane Simon sowie dem emeritierten Pfarrer Ulrich Bock wurde moderiert von der SWR-Journalistin Patricia Verne (links).
Kulturbüro-Leiterin Stefanie Bade zog ein positives Fazit der Langen Nacht der Demokratie: „Die Atmosphäre war über die gesamte Dauer hinweg sehr angenehm und anregend. Gleich zu Beginn waren viele Interessierte gekommen.“ Die meisten Angebote seien gut nachgefragt gewesen. Besonders erfreulich aus ihrer Sicht: „Wir haben einen breiten Querschnitt der Bevölkerung erreicht.“ Über den Tag hinweg schätzt das Kulturbüro die Besucherzahl auf gut 400 Personen.
Mit dabei waren außerdem die Afög Kehl, der Chaos Comic Club, das Einstein-Gymnasium, das Europäische Parlament, die Omas gegen Rechts, die SSV der Hochschule Kehl, die vhs Ortenau sowie der gesamte Fachbereich Bildung, Soziales und Kultur der Stadt Kehl.


