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Nachrichten aus Bodenseekreis

1300 Jahre Klosterinsel Reichenau

Große Landesausstellung „Welterbe des Mittelalters – 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau“.

Mit einer beeindruckenden Sonderschau lockt die Bodenseeregion in diesem Sommer gleich zwei Mal mit dem UNESCO-Welterbe-Status. Neben dem Archäologischen Landesmuseum Baden-Württemberg, das in Konstanz ab 20. April 2024 mit einer beeindruckenden Sonderausstellung Einblick in das geistige und kulturelle Leben des Mittelalters gibt, sind parallel dazu die Originalschauplätze auf der Insel Reichenau in Augenschein zu nehmen. In nur neun Kilometern Entfernung liegt das einzigartige Ensemble der drei mittelalterlichen Kirchen St. Georg, St. Maria und Markus und St. Peter und Paul, die zum Welterbe der Menschheit zählen.

Zur Pressekonferenz in Konstanz dabei sind Arne Braun, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft Prof. Dr. Eckart Köhne, Direktor des Badischen Landesmuseum in Karlsruhe Marvin Gedigk – Wiss. Mitarbeiter Badisches Landesmuseum Dr. Wolfgang Zoll – Bürgermeister Gemeinde Reichenau

Sabine Zoller

„Diese drei mittelalterliche Kirchen sind besondere Schätze“, so Arne Braun, Staatssekretär im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, der das kulturelle Erbe betont, das die Klosterinsel Reichenau als UNESCO Weltkulturerbe zu bieten hat. Im Kloster Reichenau wurde Wissen bewahrt, gelehrt und von hier aus in

die damals bekannte Welt getragen. Das Kloster Reichenau mit seinem Skriptorium kann somit durchaus als Wiege des Wissenschaftsstandorts Baden-Württemberg bezeichnet werden.

Die Blütezeit der Insel Reichenau markiert eines der wichtigsten Kapitel der europäischen Geschichte: So abgeschieden das Kloster auch erscheint, im Früh- und Hochmittelalter war der Konvent politisch und kulturell weitreichend vernetzt und pflegte Beziehungen von Irland bis Jerusalem und von Skandinavien bis Nordafrika.

Klöster als Wissenszentren im Mittelalter

Sabine Zoller

Zur Ausstellung kehren nun „nach über 1.000 Jahren fünf von der UNESCO ausgezeichnete Handschriften aus Paris, Cividale del Friuli, Trier, Aachen und Darmstadt wieder an den Bodensee und damit an den Ort ihrer Entstehung zurück“, so Prof. Dr. Eckart Köhne. Der Direktor des Badischen Landesmuseum in Karlsruhe und Leiter der gesamten Ausstellung rückt neben kostbaren Exponaten der Goldschmiedekunst, Glasmalereien, Elfenbeinarbeiten, Skulpturen und Gemälden insbesondere die Fülle an Handschriften und Urkunden in den Fokus, die die Ausstellung des Badischen Landesmuseums in Konstanz ergänzen. „Statt Kaiser und Weltgeschehen sehen wir kostbare Stücke und Prachtbände, die uns nationale wie internationale Leihgeber zur Verfügung gestellt haben.“ Insgesamt werden 80 Handschriften ausgestellt, darunter 16 Prachthandschriften. Damit bietet die Große Landesausstellung die größte jemals realisierte Zusammenkunft von Reichenauer Handschriften. „Handschriften sind nahezu das Aufwändigste und Fragilste, was ein Museum ausstellen kann. Die Präsentation erfordert besondere klimatische Bedingungen, spezielle Vitrinen und eine sorgsame Lichtführung. Wir sind sehr glücklich, dass wir die kostbaren Handschriften jeweils mindestens drei Monate zeigen können, verteilt auf beide Hälften der Laufzeit. Den Besucherinnen und Besuchern bietet sich die einmalige Gelegenheit, die Entwicklung der Buchmalerei vom 9. bis 11. Jahrhundert auf der Reichenau nachzuvollziehen und die Handschriften und Stile miteinander zu vergleichen“, so Köhne.

Einblicke in das geistige und kulturelle Leben des Mittelalters. 

Bester Beweis dafür, welch große Anziehungskraft das Kloster während der Blütezeit der Reichenau besaß ist das sogenannte „Reichenauer Verbrüderungsbuch“. Mit insgesamt 38.000 Namen bietet die überlieferte Handschrift, die unter den wenigen in Europa erhaltenen Exemplaren als umfangreichste gilt, Namen, die sich wie das Who is Who des Mittelalters lesen. Angefangen bei Karl Martell, folgen Herrscher wie König Æthelstan von England (um 1000), eingetragen vom Bischof von Worcester, oder Odo von Châtillon, der als späterer Papst Urban II. zum Ersten Kreuzzug aufrief. Über sieben Jahrhunderte wurde das Verbrüderungsbuch bis ins 16. Jahrhundert geführt und über 100 Klöster und geistliche Gemeinschaften sind darin nachzuweisen. 

„Klöster waren zentrale Orte. Sie waren Herrschafts- und Verwaltungssitze, ordnende Institutionen, religiöse Zentren und kulturelle Leuchttürme, die ins ganze Land und weit darüber hinausstrahlten. Wer sich mit der Geschichte des Klosters Reichenau beschäftigt, lernt die Strukturen des Frühmittelalters kennen. Nach der Antike entstanden hier die Wurzeln Europas neu“, fasst Olaf Siart, Wissenschaftlicher Projektleiter,eine Hauptaussage der Ausstellung zusammen. Die Große Landesausstellung liefert Antworten auf die grundlegenden Fragen zur Klosterkultur. Interessierte erfahren, warum und wie Klöster auf Inseln gegründet wurden und begegnen den verschiedensten Persönlichkeiten. Die Heiligenverehrung und wichtigsten Patrone der Insel wie Maria, die Heiligen Petrus, Markus und Georg werden ebenso vorgestellt wie das alltägliche Leben der Mönche – von der klösterlichen Liturgie bis hin zum Alltagsleben.

Kostbarer Reliqienschrein - der Egbert-Schrein aus Trier, gefertigt in den Jahren 980-993

„Reichenau“-Guide als App

Für die enge Verknüpfung der Ausstellung in Konstanz mit den Orten auf der Reichenau sorgt auch eine speziell entwickelte kostenfreie App: Der „Reichenau“-Guide führt mit Audiospuren und Expertenvideos durch die Ausstellung und bietet auch Informationen zu den Kirchen, den neu gestalteten Klostergärten sowie der Münsterschatzkammer auf der Insel. Geboten wird zudem ein Hörspiel der Bestseller-Autorin Tanja Kinkel: Ihre fiktiven Dialoge lüften intime Geheimnisse der Klostergeschichte. So kann man mit Walahfrid Strabo oder Hermann dem Lahmen im Ohr über die Insel spazieren. Und wer die Push-Nachrichten aktiviert, erhält regelmäßig von Mönch Grimalt Updates zum klösterlichen Tagesablauf. 

Passend zur Großen Landesausstellung zeigt in Karlsruhe das Badische Landesmuseum in seiner Mittelalter-Abteilung unter dem Titel „Nur beten und arbeiten?“ neue Perspektiven auf

das mittelalterliche Leben im Kloster und im profanen Alltag. Und mit eigenen Sonderausstellungen zum reichen kulturellen Erbe der Reichenau zeigt ab 26. April das Generallandesarchiv Karlsruhe „Spurensuche – Eine Kriminalitätsgeschichte der Reichenau“ wertvolle Schätze aus dem Klosterarchiv. Im Zentrum der Präsentation steht das sogenannte Reichenauer Malefizbuch, das 150 Kriminalfälle aus den Jahren 1450 bis 1590 verzeichnet. Wie Schrift, Tinte, Pergament und die Gestaltung der Reichenauer Handschriften die zeitgenössische Kunst inspirieren, verrät eine Ausstellung in der Badischen Landesbibliothek: „Alte Bücher – neue Inspirationen. Künstlerische Blicke auf die Reichenauer Handschriften“, die ab dem 15. Mai zu sehen ist. Und zudem lädt das Archäologische Landesmuseum Baden-Württemberg in Konstanz ab dem 20. April in die Ausstellung „Archäologie & Playmobil – Mönche, Mission, Abenteuer“ ein.

Große Landesausstellung 2024

Welterbe des Mittelalters – 1300 Jahre Klosterinsel Reichenau

20. April – 20. Oktober 2024

Konstanz, Archäologisches Landesmuseum Baden-Württemberg,

und Insel Reichenau

Di–So, Feiertage 10–18 Uhr

14 Euro, erm. 11 Euro, 6–17 Jahre 5 Euro

Text/Bilder: Sabine Zoller

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