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Carsten Henn - Der Geschichtenbäcker

Erscheinungstermin: 31. März 2022

Brot backen ist fast wie ein Tanz. Teig wird rhythmisch geknetet, die Drehung der Hände, der Schwung der Hüfte geben ihm Geschmeidigkeit. Fasziniert beobachtet die ehemalige Tänzerin Sofie den alten italienischen Bäcker Giacomo bei seiner Arbeit. Eigentlich wollte sie den Aushilfsjob in der Dorfbackstube gleich wieder kündigen. Zu sehr hat das Ende ihrer Karriere ihr Leben aus der Bahn geworfen. Wer ist sie, wenn sie nicht tanzt? Wer wird sie lieben, wenn sie nicht mehr auf der Bühne strahlt? Doch überraschend findet Sofie in der kleinen Bäckerei viel mehr als nur eine Beschäftigung: die Weisheit eines einfachen Mannes, das Glück der kleinen Dinge und den Mut zur Veränderung.

Worum geht es in Ihrem neuen Buch »Der Geschichtenbäcker«?

Im Kern um die Frage, was man mit seinem Leben anstellt, wenn der ursprüngliche Plan dafür nicht mehr funktioniert. Genau so ergeht es nämlich Sofie im Roman, deren bisheriges Leben endet, und die nicht weiß, wie es weitergehen soll. Als Tänzerin kann sie nicht mehr arbeiten, weil ihr Körper sie im Stich lässt. Als Tanzlehrerin will Sofie nicht arbeiten, weil sie das immer daran erinnern würde, was sie verloren hat. Durch einen Zufall trifft sie dann auf den Bäcker ihres kleinen Dorfes, den Italiener Giacomo. Durch ihn und seine Backkunst ändert sich alles. Sie erkennt, dass Backen wie Tanzen ist. Und sie erfindet sich neu.

»Der Geschichtenbäcker« – ein ungewöhnlicher Titel! Was ist damit gemeint und warum heißt der Roman so?

Ich will nicht zu viel verraten, aber Giacomo backt ganz besondere Brote. Und Geschichten sind ihr Geheimnis. Das findet Sofie aber erst mit der Zeit heraus. Giacomo backt außerdem, und das ist mir genauso wichtig, mit einer Zutat, von der uns unsere Mütter und die Fernsehwerbung immer erzählt haben: Liebe. Die Liebe zu seinem Beruf, die Liebe zum Brot, und auch die Liebe zu seinen Kunden. Das backt er alles mit ein. Ich versuche das zu Hause auch immer, aber manchmal werden die Brote trotz ganz viel Liebe leider nix (lacht).

Woher kam die Inspiration für dieses Buch?

Mir kommen eigentlich alle Inspirationen beim Essen. Kulinarisches treibt mich ja seit vielen Jahren um, und Brot liebe ich sehr. In Restaurants mache ich häufig den »Brotfehler« und esse so viel von dem leckeren, selbstgebackenen Brot, dass nachher kaum noch Platz für die eigentlichen Gerichte ist. Seit Jahren wollte ich deshalb ein Buch schreiben, bei dem dieses großartige Lebensmittel eine Rolle spielt. Aber ich habe von Anfang an gespürt, dass ich keinen Kriminalroman darüber schreiben kann. Brot zu backen ist so ein sinnlicher, körperlicher Vorgang, deshalb wollte ich eine Geschichte erzählen, in der es um dieses Sinnliche geht, und damit zusammenhängend auch um Liebe. Vor allem der zu sich selbst, die erst wahrhaftige Liebe zu anderen ermöglicht. Sofies Mann ist Choreograph, das macht die Verwerfung an diesem Punkt ihres Lebens umso schwerwiegender

Wie würden Sie Ihre Hauptfigur Sofie beschreiben?

Sie ist ein Mädchen vom Dorf, das sich ihren großen Kindheitstraum erfüllt hat, gegen alle Widerstände. Und jetzt wird sie gezwungen, daraus aufzuwachen. Sie will den Traum natürlich nicht loslassen, will nicht wahrhaben, dass es vorbei ist. Aber sie muss sich dem stellen. Sie glaubt nicht, dass sie die Stärke dazu hat, sie fühlt sich verloren und unverstanden. Aber sie hat ganz viel Stärke in sich, und es gibt einen wunderbaren Weg für sie

Was macht »den Geschichtenbäcker« Giacomo so besonders?

Auf jeden Fall sein großes Herz. Zuerst wirkt er wortkarg, ja fast unfreundlich, aber dann lernt man ihn näher kennen. Er ist auf der einen Seite ein einfacher Mann, aber auch sehr klug, wobei seine ganze Lebensphilosophie auf Brot beruht, weil das seine Welt ist: die kleine Backstube mit dem alten Holzofen und die Wohnung darüber. Auf eine gewisse Weise ähnelt er Carl Kollhoff, dem Buchhändler aus meinem Roman »Der Buchspazierer«, und doch ist er auch ganz anders. Carl hat übrigens einen Kurzauftritt im Buch, ich wollte mich auf diese Weise bei ihm für die gemeinsame Reise bedanken

Welche Lebensweisheit würde Giacomo den Lesern des Romans mit auf den Weg geben?

Wie jeder gute Bäcker weiß Giacomo um die Bedeutung von Zeit. Deshalb würde er sagen: Nur wer einer Sache die nötige Zeit gibt, dem wird sie gelingen. Zeit ist die wichtigste Zutat. Bei allem. Zeit ist es auch, die Sofie sich geben muss. Das ist hart für sie zu lernen. Sie ist sehr ungeduldig und will manchmal mit dem Kopf durch die Wand.

Warum erlebt Brotbacken gerade ein so großes Revival?

Und was macht Brotbacken zu einer besonderen Kunst? Brot ist unser fundamentalstes Lebensmittel. Und vielleicht unser emotionalstes. Viele essen es zum Frühstück, Kinder nehmen es mit als Pausenbrot in die Schule, Erwachsene als Stulle mit auf die Arbeit, und abends gibt es wieder Brot. Wenn meine Großmutter mir zeigen wollte, dass sie mich liebt, schmierte sie mir ein Brot mit dick Butter drauf – in meiner Familie zeigt man seine Liebe seit jeher durch Essen. Ich glaube, in der Corona-Pandemie wurde die Sehnsucht nach einem Lebensmittel groß, dass uns sagt „Es ist alles gut, du bist zuhause“. Viele begannen Brot zu backen, denn solange das möglich war, wusste man: Uns kann eigentlich nichts passieren. Und das Schöne ist, Brot backen geht eigentlich ganz einfach. Man braucht nur drei Zutaten: Mehl, Wasser und Hefe. Einem Brot dann im Ofen zuzusehen, wie es aufgeht, ist einer der allerschönsten Anblicke, die es in der Küche gibt. Ofen-Kino! 

Sofie ist eine ehemalige Tänzerin – wie kommen Sie zum Thema Tanz?
 Um es direkt zu gestehen: ich selbst bin ein ganz miserabler Tänzer. Meine Lebensgefährtin hat den Tanzkurs mit mir abgebrochen, weil sie meine ungelenken Bewegungen nicht mehr ertragen konnte. Und wenn ich mich zuhause mal rhythmisch zu Musik bewege, rollt meine Tochter mit den Augen und fleht mich an aufzuhören, weil es so schrecklich peinlich ist. Dabei liebe ich Musik sehr und auch, mich dazu zu bewegen. So unwahrscheinlich es klingt, aber durch Sofie lebe ich meine Liebe zum Tanz aus

 

Carsten Henn

© Amanda Dahms

Carsten Henn, geboren 1973 in Köln, arbeitet als Schriftsteller, Weinjournalist und Restaurantkritiker. Er ist Chefredakteur des Weinmagazins Vinum. In St. Aldegund an der Mosel besitzt er einen Steilstweinberg mit alten Rieslingreben, den er selbst bewirtschaftet. Wenn er einmal nicht seiner Leidenschaft fürs Kochen nachgeht, ist er auf der Suche nach neuen Gaumenfreuden. Sein Roman ›Der Buchspazierer‹ stand monatelang unter den Top 10 der SPIEGELBestsellerliste, eroberte die Herzen der Leserinnen und Leser und erhielt begeisterte Besprechungen.

Pressestimmen zu »Der Buchspazierer«:

»Der warmherzigste und berührendste Roman, den wir uns als Leser für dieses besondere Jahr wünschen können. Es ist so ein Buch, das einem beim Lesen irgendwie umarmt.« Deutschlandfunk »Lesart«

»Ein Buch zum Einkuscheln, ein Buch das wärmt und Zuversicht spendet. Genau das Richtige für alle, die wissen, wie wichtig ein gutes Buch sein kann.« Brigitte

»Mindestens genauso toll wie die Geschichte ist die Sprache des Autors: voller Liebe, leichtfüßig, kraftvoll. Man weint beim Lesen, man lacht und manchmal macht man beides gleichzeitig.« Freundin

»Mit diesem ganz fabelhaften Buch sorgt Carsten Henn für eine Überraschung. Bekannt wurde der Kölner durch „kulinarischvinophile“ Krimis. (…) ›Der Buchspazierer‹ ist da ein ganz anderes Kaliber – eins, das viel filigraner und poetischer ausfällt.« Kölnische Rundschau

»Es ist eine warmherzige Geschichte ohne Kitsch mit liebevoll beschriebenen Protagonisten. Das richtige Buch für einen dunklen Regentag, der beim Lesen gleich etwas heller wird.« Westdeutsche Allgemeine Zeitung 

»Der Grundgedanke des Buches – dass ein unbefangenes Kind das Leben eines einsamen alten Mannes auf den Kopf stellt – ist nicht neu. Doch Henn hat mit viel Empathie Figuren erschaffen, die einem schnell ans Herz wachsen.« Kölner Stadt-Anzeiger

 

Carsten Henn

ISBN: 978-3-492-07134-5

Preis: 14,00 € | 14,40 € [A] | 19,50 SFr

256 Seiten | Hardcover

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