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Der E-Scooter ist kein harmloses Spielzeug

Kinderchirurgen schlagen Alarm: Warum schwere E-Scooter-Unfälle bei Kindern und Jugendlichen explosionsartig zunehmen

Mit den ersten warmen Tagen kehren sie zurück ins Straßenbild: E-Scooter. Was für viele Jugendliche Freiheit, Spaß und Mobilität bedeutet, entwickelt sich in den Notaufnahmen zunehmend zu einem ernsthaften Problem. Besonders alarmierend: Immer häufiger werden Kinder und Jugendliche mit schweren Verletzungen nach E-Scooter-Unfällen eingeliefert – darunter komplizierte Knochenbrüche und schwere Kopfverletzungen.

Im Dreiland-Klinikum Lörrach beobachten die Kinderchirurgen seit Monaten eine dramatische Entwicklung. Dr. Tobias Berberich, Chefarzt der Abteilung für Kinderchirurgie & Kinderurologie am St. Elisabethen-Krankenhaus, spricht von einer deutlichen Verschiebung im Unfallgeschehen – mit teils lebensbedrohlichen Folgen.

Im Gespräch erklärt der erfahrene Kinderchirurg, warum E-Scooter das Trampolin als häufigste Ursache schwerer Freizeitunfälle abgelöst haben, weshalb insbesondere mehrere Kinder auf einem Scooter ein enormes Risiko darstellen und warum Eltern die Gefahr häufig unterschätzen.

Chefarzt Dr. Tobias Berberich

Dreiland-Klinikum Lörrach

Herr Dr. Berberich, Sie beobachten aktuell eine auffällige Zunahme schwerer E-Scooter-Unfälle bei Kindern und Jugendlichen. Wie dramatisch ist die Situation tatsächlich?

Die Entwicklung ist tatsächlich sehr auffällig. Besonders mit den ersten warmen Tagen und sehen wir eine explosionsartige Zunahme schwerer E-Scooter-Verletzungen bei Kindern und Jugendlichen.

Im Vergleich zu den Vorjahren hat sich das Unfallgeschehen massiv verändert. Früher waren Trampolinunfälle der absolute Spitzenreiter unter den Freizeitunfällen im Kindes- und Jugendalter. Das hat sich inzwischen eindeutig verschoben. Heute sind E-Scooter die häufigste Ursache schwerer Freizeitverletzungen, die wir in unserer Kinderchirurgie behandeln.

Sie sprechen sogar davon, dass E-Scooter das Trampolin als Hauptursache schwerer Freizeitunfälle verdrängt haben. Woran machen Sie das fest?

Das sehen wir ganz konkret in unserem klinischen Alltag. Während der sogenannten „Trampolin-Ära“ hatten wir in Spitzenzeiten vielleicht drei bis vier schwerere Fälle pro Woche – also Verletzungen wie Frakturen, die operativ versorgt werden mussten.

In der Hochsaison mit gutem Wetter und Ferien sehen wir bei E-Scootern inzwischen bis zu vier oder fünf solcher lebensbedrohenden Fälle pro Tag. Das ist eine enorme Entwicklung.

Und wir sprechen dabei nicht über Bagatellverletzungen. Viele dieser Kinder und Jugendlichen kommen mit komplizierten Knochenbrüchen, teils schweren Mehrfachverletzungen oder auch schwersten Kopfverletzungen in die Notaufnahme.

Welche Verletzungen sehen Sie besonders häufig?

Klassisch sind zunächst Frakturen der Extremitäten – also Unterarm-, Ellenbogen- oder Unterschenkelfrakturen. Das kennen wir grundsätzlich auch von Fahrrad- oder Skateboardunfällen.

Was allerdings auffällt: Die Verletzungen bei E-Scootern sind häufig schwerer. Durch die relativ hohe Geschwindigkeit in Kombination mit den sehr kleinen Rädern entstehen andere Kräfte. Die Kinder werden vereinfacht gesagt eher „durch die Luft geschleudert“.

Besonders alarmierend ist eine Verletzungsart, die wir bei Kindern sonst eher selten sehen: Schenkelhalsfrakturen oder sehr hoch gelegene Oberschenkelfrakturen. Das sind Verletzungen, die normalerweise eher typisch für Erwachsene nach schweren Stürzen oder Verkehrsunfällen sind.

Wir haben dieses Jahr mehrere Kinder und Jugendliche mit genau solchen Verletzungen behandelt. Das zeigt deutlich, mit welcher Energie diese Unfälle inzwischen passieren.

Warum sind E-Scooter aus Ihrer Sicht gefährlicher als viele Eltern denken?

Viele unterschätzen die physikalischen Eigenschaften dieser Fahrzeuge massiv. Ein E-Scooter wirkt klein und harmlos – tatsächlich fährt er aber meist mit bis zu 20 Kilometern pro Stunde auf sehr kleinen Rädern.

Das Problem: Kleine Räder reagieren extrem empfindlich auf Unebenheiten. Ein Kieselstein, den man mit dem Fahrrad kaum bemerkt, kann bei einem E-Scooter bereits dazu führen, dass das Fahrzeug abrupt instabil wird.

Hinzu kommt die Körperhaltung. Man steht relativ ungeschützt auf dem Fahrzeug und hat deutlich weniger Stabilität als auf einem Fahrrad. Wenn es zum Sturz kommt, fehlt oft jede Möglichkeit, den Aufprall kontrolliert abzufangen.

Röntgenaufnahme aus der Sprechstunde

Dreiland-Klinikum Lörrach

Ein weiteres großes Thema scheint der fehlende Schutz zu sein.

Absolut. Das ist einer der entscheidenden Unterschiede zu anderen Freizeitunfällen.

Kinder, die nach Fahrradunfällen zu uns kommen, tragen heute erfreulicherweise sehr häufig einen Helm. Früher waren auch Inline-Skater oft komplett mit Schutzausrüstung ausgestattet – also mit Helm sowie Knie-, Ellenbogen- und Handgelenkschonern.

Bei E-Scooter-Unfällen sehen wir praktisch nie Schutzvorrichtungen. Weder Helm noch andere Protektoren.

Gerade das Thema Helm ist extrem wichtig. Schwere Kopfverletzungen sehen wir bei uns vergleichsweise selten – aber nicht, weil sie nicht vorkommen. Viele dieser Kinder werden direkt in neurochirurgische Zentren nach Basel oder Freiburg im Breisgau verlegt.

Besonders häufig scheint aktuell die Nutzung mit mehreren Personen auf einem E-Scooter zu sein. Warum ist das so gefährlich?

Das erleben wir derzeit tatsächlich sehr häufig. Mindestens zwei Personen auf einem E-Scooter sind ein enormes Risiko.

Diese Fahrzeuge sind konstruktiv ausschließlich für eine Person ausgelegt. Sobald zwei Kinder oder Jugendliche gemeinsam fahren, verändert sich der Schwerpunkt komplett. Das Fahrzeug wird instabil, die Lenkung schwieriger und der Bremsweg länger.

Gerade bei spontanen Ausweichbewegungen oder Unebenheiten verlieren die Fahrer dann schnell die Kontrolle. Viele der schweren Stürze, die wir aktuell sehen, passieren genau in solchen Situationen.

Besonders betroffen sind Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren. Warum gerade diese Altersgruppe?

Das ist genau die Altersgruppe, die besonders mobil sein möchte, Risiken häufig unterschätzt und gleichzeitig sehr intensiv soziale Dynamiken erlebt.

Der E-Scooter wird von Jugendlichen nicht nur genutzt, um von A nach B zu kommen. Er ist auch ein Freizeit- und Trendobjekt. Es werden riskante Fahrmanöver ausprobiert, Sprünge gemacht oder Rennen gefahren.

Hinzu kommt, dass Jugendliche sich gegenseitig beeinflussen. Wenn Freunde E-Scooter fahren, möchte man natürlich mitmachen – selbst wenn man eigentlich noch zu jung oder unsicher dafür ist.

Gleichzeitig sehen Sie aber auch deutlich jüngere Kinder?

Ja, leider. Wir behandeln teilweise Kinder im Alter von sechs, sieben oder acht Jahren nach E-Scooter-Unfällen.

Zum Glück handelt es sich bei den jüngeren Kindern häufiger um klassische Unterarmfrakturen, die zwar schmerzhaft sind, aber oft weniger komplex verlaufen.

Trotzdem muss man klar sagen: Ein sechs- oder siebenjähriges Kind ist einem E-Scooter körperlich und kognitiv schlicht nicht gewachsen. Viele können kaum über die Lenkstange schauen oder sind motorisch noch gar nicht in der Lage, das Fahrzeug sicher zu kontrollieren.

Die gesetzliche Altersgrenze ab 14 Jahren ist aus meiner Sicht absolut sinnvoll.

St. Elisabethen-Krankenhaus

Kliniken des Landkreises Lörrach

Welche Rolle spielen die Eltern und Erziehungsberechtigten?

Eine sehr große Rolle. Natürlich ist der Einfluss im Alltag manchmal begrenzt – selbst wenn man keinen eigenen E-Scooter kauft, besitzt vielleicht ein Freund einen.

Trotzdem ist es wichtig, dass Eltern das Thema ernst nehmen und klare Regeln setzen. Viele unterschätzen, dass ein E-Scooter kein Spielzeug ist, sondern ein motorisiertes Fahrzeug mit erheblichem Verletzungspotenzial.

Eltern sollten unbedingt darauf achten, dass die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden und Kinder erst ab dem erlaubten Alter E-Scooter fahren.

Und ich würde wirklich dringend empfehlen, mindestens einen Helm zu tragen. Ein Helm verhindert keine Schenkelhalsfraktur oder einen komplizierten Armbruch – aber er kann schwere oder sogar lebensbedrohliche Kopfverletzungen verhindern.

Wird Ihrer Meinung nach zu wenig über die Risiken aufgeklärt?

Ja, definitiv. Beim Fahrradhelm gibt es inzwischen eine sehr gute Verkehrserziehung – in Schulen, durch Eltern und durch Kampagnen.

Für E-Scooter existiert so etwas bislang kaum. Dabei sehen wir inzwischen eindeutig schwerere Verletzungen als bei vielen anderen Freizeitunfällen.

Kinder, die nach Spielplatz- oder Trampolinunfällen kommen, haben zwar auch Verletzungen, häufig aber eher Prellungen oder leichtere Frakturen. E-Scooter-Verletzungen sind oft deutlich schwerwiegender.

Deshalb braucht es aus meiner Sicht dringend mehr Aufklärung – sowohl für Kinder und Jugendliche als auch für Eltern.

Im vergangenen Jahr wurde deutschlandweit intensiv über eine Helm-Pflicht diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Als Kinderchirurg sehe ich natürlich täglich die Folgen fehlender Schutzmaßnahmen. Medizinisch wäre eine deutlich höhere Helmquote absolut wünschenswert.

Ob eine gesetzliche Helm-Pflicht politisch der richtige Weg ist, darüber kann man diskutieren. Aber unabhängig davon sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass man bei einem Fahrzeug mit 20 Stundenkilometern einen Helm trägt.

Die Realität sieht leider anders aus.

Bedeutet das aus Ihrer Sicht, dass E-Scooter verboten werden sollten?

Nein, überhaupt nicht. Mir geht es ausdrücklich nicht ums Verbieten.

E-Scooterfahren macht Spaß – ich fahre selbst gelegentlich E-Scooter. Auf ebenem, asphaltiertem Untergrund und mit vernünftigem Verhalten passiert vermutlich in den meisten Fällen nichts.

Aber wir müssen aufhören, diese Fahrzeuge zu verharmlosen. Ein E-Scooter ist kein harmloses Spielzeug.

Wenn Kinder und Jugendliche körperlich geeignet sind, Regeln eingehalten werden und Schutzmaßnahmen genutzt werden, lässt sich das Risiko deutlich reduzieren.

Was ist Ihre wichtigste Botschaft an Eltern und Jugendliche?

Nehmen Sie das Thema ernst.

E-Scooter wirken oft unkompliziert und modern – die Verletzungen, die wir sehen, sind es nicht. Viele dieser Unfälle wären vermeidbar.

Deshalb mein eindringlicher Appell:
Keine Fahrten mit mehreren Personen auf einem E-Scooter.
Die Altersgrenze einhalten.
Und bitte immer einen Helm tragen.

Denn am Ende geht es darum, schwere und manchmal lebensbedrohliche Verletzungen zu verhindern.

Quelle/Bilder: Kliniken des Landkreises Lörrach

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