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Nachrichten aus Region meets Business

Unternehmen im Nordschwarzwald müssen sich neu erfinden

Einblicke von DekaBank-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater bei der Jubiläumsveranstaltung „20 Jahre Private Banking“ der Sparkasse Pforzheim Calw

Das Expertengespräch zur Finanz- und Weltwirtschaft vor rund 300 Gästen moderierte (von rechts) TV-Journalist Andreas Franik mit DekaBank-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater sowie dem stv. Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse Pforzheim Calw, Sven Eisele und Stefan Saile, Bereichsdirektor S-Vermögen.

Gerd Lache

In Zeiten globaler Umbrüche blicken Unternehmen im Nordschwarzwald mit Sorge in die Zukunft. In dieser traditionell exportstarken Region mit Fokus auf den US-Markt kommt die drängende Frage auf: Bringt die aktuelle Entwicklung Hoffnung oder droht gar Chaos? Antworten darauf gab eine Veranstaltung der Sparkasse Pforzheim Calw mit DekaBank-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater anlässlich des 20-jährigen Bestehens von „Privat Banking“.

Angesprochen auf die Abhängigkeit vieler Zulieferer vom US-Geschäft lieferte Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, eine klare, wenn auch fordernde Botschaft an die regionalen Akteure im Nordschwarzwald. „Sie müssen ihre Geschäftsmodelle und Strategien überprüfen, insbesondere hinsichtlich ihres Außenhandelsanteils.“

Zum 20-jährigen Bestehen des Privat Banking der Sparkasse Pforzheim Calw sprach Kater bei einer Abendveranstaltung im Sparkassen-Forum Pforzheim vor rund 300 geladenen Gästen. In einer Vorab-Pressekonferenz betonte der DekaBank-Chefvolkswirt, dass die Weltwirtschaft nicht abgebaut, sondern umgebaut werde: Weg vom multilateralen Ansatz – der paradoxerweise fast sieben Jahrzehnte lang von den USA aufgebaut wurde und auf einer einzigen Weltwirtschaftsordnung basierte – hin zu einem stärker bilateralen Ansatz. Soll heißen: Länder und Volkswirtschaften würden sich künftig verstärkt auf ihre Regionen konzentrieren, verstanden als Binnenmärkte bis zu den nächsten Zollgrenzen.

 

Gingen in einer Pressekonferenz auf Chancen und Risiken für die Unternehmen im Nordschwarzwald ein (von rechts): Sven Eisele, stv. Vorstandschef der Sparkasse Pforzheim Calw, DekaBank-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater sowie Stefan Saile Bereichsdirektor S-Vermögen und Hartmut Keim, Abteilungsleiter Private Banking

Gerd Lache

Für europäische Unternehmen, einschließlich jener in der Region Nordschwarzwald, bedeute dies: „Der europäische Binnenmarkt gewinnt als Ausweichstrategie massiv an Bedeutung.“ Er sei flächenmäßig und wirtschaftlich genauso groß oder sogar größer als der amerikanische Binnenmarkt und biete Möglichkeiten für vieles, was in Amerika künftig schwieriger oder unmöglich werde.

Auch andere große Wirtschaftsregionen wie Asien (mit Indien als stark wachsendem Markt) und Lateinamerika gewinnen laut Kater an Gewicht. Die Beziehungen zwischen diesen großen Märkten würden künftig stark von bilateralen Vereinbarungen geprägt sein.

Unternehmen mit Außenhandelsinteressen seien daher gut beraten, sich über ihre Verbände genauestens über die künftige Ausgestaltung der Handelsbeziehungen zu ihren wichtigen Zielregionen zu informieren. Es gelte, Geschäftsmodelle anzupassen und zu prüfen, ob eine Produktion in Amerika weiterhin sinnvoll sei oder ob Aktivitäten in Europa diese ersetzen oder ergänzen könnten.

Nennt im Gespräch mit Moderator Andreas Franik (rechts) eine auf lange Sicht positive Prognose für die Entwicklung des DAX: DekaBank-Chefvolkswirt Dr. Ulrich Kater.

Gerd Lache

Dieser Umbau der Weltwirtschaft werde wahrscheinlich mit gewissen Wohlstandsverlusten einhergehen. Die regionalen Unternehmen spürten die Auswirkungen der globalen Veränderungen bereits deutlich, etwa durch Insolvenzen und Kurzarbeit. Insbesondere die Automobilzulieferer litten laut Kater zusätzlich unter verschlafenen Entwicklungen, vor allem im chinesischen Markt, wo heutzutage Konnektivität und Digitalisierung statt Motorleistung gefragt seien.

Dennoch eröffne der Umbau auch neue Chancen, gerade für europäische Unternehmen, die sich auf den starken europäischen Binnenmarkt konzentrieren könnten. Kater nannte unterdessen als größtes Standortproblem in Deutschland die überbordende Bürokratie.

Sven Eisele, stv. Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw, begrüßte rund 300 Gäste bei der Abendveranstaltung zum Jubiläume „20 Jahre Private Banking“.

Gerd Lache

Ausblick in turbulenten Zeiten
Als Hauptredner der Abendveranstaltung zum Jubiläum „20 Jahre Private Banking“ ging Dr. Ulrich Kater auf die allgemeine Wirtschafts- und Kapitalmarktlage ein. Der Volkswirt mit profunder Kenntnis und analytischer Schärfe zeichnete ein Bild von einer Welt, die sich rasant verändert. Trotz der Unsicherheiten, nicht zuletzt durch die Politik Donald Trumps, zeigten sich die Kapitalmärkte bemerkenswert gefasst.

Kater sieht hierin ein Zeichen dafür, dass Trump am Ende nicht ausschließlich irrational handle und die Kosten seines Handelns berücksichtige. Die extreme Vernetzung der Weltwirtschaft mache es selbst der größten Volkswirtschaft schwer, Dinge grundsätzlich anders zu machen, ohne extreme ökonomische Reaktionen bei den Wählern hervorzurufen.

Für langfristig denkende Anleger hatte Kater eine optimistische Botschaft: Der DAX habe in den vergangenen 35 Jahren durchschnittlich 8,9 % pro Jahr zugelegt, darin seien alle Krisen und Crashes enthalten. Er prognostizierte, dass der DAX im Jahr 2040 bei 50.000 Punkten stehen könnte – vorausgesetzt die Weltwirtschaft und damit die Unternehmensgewinne wachsen. Für private Anleger sei es sinnvoll, langfristig zu kalkulieren (10 bis 20 Jahre für Aktien) und auf Streuung (Diversifikation) zu setzen, die das Risiko des Totalverlustes banne.

Für Stefan Saile (links) und Sven Eisele gibt es keinen falschen Zeitpunkt zum Einstieg an der Börse. Wichtig sei die richtige Strategie

Gerd Lache

Strategie, Vertrauen und regionale Nähe
Sven Eisele, stellvertretender Vorstandsvorsitzender und designierter Vorstandschef der Sparkasse Pforzheim Calw, betonte die Philosophie seines Hauses. Als eine der größten Sparkassen Deutschlands und der Größten in Baden-Württemberg mit weiterhin rund 80 Filialen setze man bewusst auf die Nähe zum Kunden, die Vertrauen schaffe. Die Sparkasse biete unter dem S-Vermögensdach spezialisierte Bereiche wie Private Banking, Vermögensverwaltung und Generationenmanagement.

In der von TV-Journalist Andreas Franik moderierten Diskussion mit Dr. Ulrich Kater sowie Sven Eisele und Stefan Saile, Bereichsdirektor S-Vermögen, wurde die Bedeutung einer durchdachten Anlagestrategie hervorgehoben. Saile unterstrich, dass es keinen grundsätzlich falschen Zeitpunkt für den Einstieg an der Börse gebe, vorausgesetzt, man wähle eine vernünftige Strategie und halte durch. „Nichts-Tun" sei hingegen keine sinnvolle Anlagestrategie, da durch die Inflation Kaufkraft verloren gehe.

Das Grundprinzip sei immer gleich: Klärung des Anlagehorizonts. Kurzfristig benötigtes Geld (in den nächsten 3-5 Jahren) gehöre auf sichere Einlagen, langfristig verfügbares Geld (ideal 10+ Jahre) eigne sich für eine Vermögensstruktur mit Aktienquote, die mit längerem Horizont steige.

Im Selbstmitleid verharren ist für Sven Eisele, stv. Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Pforzheim Calw, eines der Risiken für Unternehmen, die vom Wandel betroffen sind

Gerd Lache

Fazit und Ausblick
Im Fazit sieht Dr. Kater das größte Risiko weniger im „Durchdrehen" der Amerikaner, sondern in geopolitischen Konflikten. Die größte Chance liege darin, dass Europa den „Tritt in den Hintern" durch die globalen Veränderungen als Aufforderung begreife, etwas auf die Beine zu stellen, wofür eine Besinnung auf Leistung und das Prinzip „erst erwirtschaften, dann ausgeben" nötig seien.
Sven Eisele sah die größte Chance für deutsche Unternehmen darin, aus den aktuellen Krisen zu lernen und daran zu wachsen, eine gemeinsame Richtung zu finden und die Ärmel hochzukrempeln. Das Risiko liege darin, in Selbstmitleid zu verharren und die Chance nicht zu nutzen.

AUTOR: Gerd Lache

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