Klarheit statt Komplexität: Anselm Pahnke über die Idee von LESS
In einer Zeit permanenter Reizüberflutung, steigender Komplexität und gleichzeitiger Krisen stellt die LESS 2026 eine scheinbar einfache, aber radikale Frage: Wie gelingt mehr mit weniger?

Anselm Pahnke
Im Gespräch mit Anselm Pahnke wird deutlich, dass es bei LESS nicht um Effizienzprogramme oder Verzicht geht. Es geht um Haltung. Um die Bereitschaft, innezuhalten, Klarheit zuzulassen und Verantwortung nicht an Systeme oder Sicherheiten abzugeben. Pahnke spricht über Führung jenseits von Kontrolle, über den Mut zur Reduktion und über die Frage, ob wir unser Leben absichern oder wirklich erleben wollen.
Das Interview lädt dazu ein, vertraute Gewissheiten zu hinterfragen: persönlich, gesellschaftlich und mit Blick auf die Region.Eine Einladung, weniger Antworten zu suchen und bessere Fragen zu stellen.
Region im Blick: LESS steht für „Mehr mit Weniger“. Was bedeutet dieses Motto für Sie persönlich jenseits von Effizienz und Verzicht?
Anselm Pahnke: LESS bedeutet für mich nicht, weniger zu tun, sondern klarer zu sehen. Es ist eine Einladung, sich von dem zu lösen, was uns beschäftigt, aber nicht wirklich bewegt. Weniger Reize, weniger Ablenkung, weniger Geschwindigkeit dafür mehr Verbindung, mehr Präsenz, mehr Verantwortung für das, was wir wirklich tun. Für mich schwingt darin auch eine zentrale Frage mit: Sicher leben oder sich erleben? Wenn wir alles darauf ausrichten, Risiken zu minimieren, verlieren wir oft die Intensität unserer eigenen Erfahrung. LESS kann bedeuten, den Mut zu finden, nicht alles abzusichern, sondern sich wieder bewusster ins Leben hinein zu bewegen.
Region im Blick: Warum braucht unsere Gesellschaft Ihrer Meinung nach gerade jetzt einen Perspektivwechsel hin zu weniger Komplexität und mehr Klarheit?
Anselm Pahnke: Ich glaube, wir stehen gerade an einem Punkt, an dem Komplexität nicht mehr automatisch zu besseren Lösungen führt. Im Gegenteil: Sie überfordert uns. Klarheit entsteht nicht durch noch mehr Informationen, sondern durch Reduktion. Durch die Frage: Was ist wirklich wesentlich?
Region im Blick: In Ihren Beiträgen sprechen Sie oft über Verantwortung und Haltung. Wo sehen Sie heute die größten Brüche zwischen Anspruch und Wirklichkeit – gesellschaftlich wie individuell?
Anselm Pahnke: Ich erlebe oft einen Bruch zwischen dem, was wir sagen, und dem, wie wir handeln. Wir sprechen von Nachhaltigkeit, von Zusammenarbeit, von Verantwortung und gleichzeitig sind viele Systeme darauf ausgelegt, kurzfristig zu optimieren, statt langfristig zu gestalten. Vielleicht hängt das auch mit unserem Bedürfnis nach Sicherheit zusammen. Wir bauen Strukturen, die Stabilität versprechen, aber uns gleichzeitig von echter Erfahrung entfernen. Verantwortung bedeutet für mich, diesen Widerspruch auszuhalten und nicht zu überdecken.
Region im Blick: LESS richtet sich an Führungskräfte, Unternehmen und Engagierte. Welche Verantwortung tragen diese Gruppen aktuell besonders?
Anselm Pahnke: Gerade Führungskräfte und Organisationen haben hier eine besondere Rolle: nicht nur Ziele zu definieren, sondern Räume zu schaffen, in denen Menschen ehrlich sein können, Zweifel äußern dürfen und sich wieder als wirksam erleben.
Region im Blick: Welchen Bezug hat das Thema LESS aus Ihrer Sicht zur Region Südwest – zu Mittelstand, Ehrenamt und Zivilgesellschaft? Wo erleben Sie in der Region bereits positives „Mehr mit Weniger“ vielleicht leise, aber wirksam?
Anselm Pahnke: Im Südwesten gibt es eine starke Kultur des Machens. Mittelstand, Handwerk, Ehrenamt vieles entsteht hier aus Verantwortung und Nähe. LESS zeigt sich dort oft leise: in Unternehmen, die bewusst wachsen, statt maximal zu skalieren. In Initiativen, die nicht laut sind, aber wirksam. In Menschen, die Dinge einfach tun, statt sie lange zu diskutieren.
Gerade hier wird spürbar, was es heißt, sich zu erleben, statt nur abzusichern: Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen, ins Handeln kommen, auch wenn nicht alles vorher geklärt ist. Diese Form von Reduktion hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern mit Fokus. Und vielleicht liegt genau darin eine große Stärke der Region.
Region im Blick: Wie ordnet sich Ihr Beitrag konkret in das Gesamtkonzept der LESS ein? Was möchten Sie den Teilnehmenden mitgeben?
Anselm Pahnke: Mein Beitrag ist eine Einladung, sich selbst wieder stärker als Teil der eigenen Entscheidungen zu erleben. Weg von der Frage: Was wird von mir erwartet? Hin zu: Wofür stehe ich wirklich?
Region im Blick: Was sollen die Besucher nach Ihrem Beitrag anders sehen oder bewusster hinterfragen?
Anselm Pahnke: Ich möchte einen Raum öffnen, in dem Menschen ihre eigene Haltung spüren und daraus Orientierung entwickeln können. Und vielleicht auch den Mut finden, Sicherheit nicht nur als Ziel zu sehen, sondern als etwas, das in Bewegung entstehen darf.
Region im Blick: Viele Menschen erleben aktuell Überforderung durch gleichzeitige Krisen. Gibt es aus Ihrer Sicht einfache Prinzipien, die Orientierung geben können?
Anselm Pahnke: In Zeiten von Unsicherheit suchen wir oft nach schnellen Antworten. Aber vielleicht geht es weniger darum, alles zu wissen, sondern darum, sich selbst vertrauen zu können. Ein einfaches Prinzip könnte sein: langsamer werden, um klarer zu sehen. Zuhören, bevor man reagiert. Und den Mut haben, Dinge auch nicht zu tun. Und immer wieder die Frage: Entscheide ich gerade aus dem Wunsch nach Sicherheit oder aus dem Wunsch, mich wirklich zu erleben?

Region im Blick: Braucht es heute mehr Führung oder eine andere Art von Führung?
Anselm Pahnke: Ich glaube, wir brauchen nicht unbedingt mehr Führung, sondern eine andere Qualität von Führung. Eine, die nicht über Kontrolle entsteht, sondern über Vertrauen. Eine, die Orientierung gibt, ohne alles vorzugeben.
Region im Blick: Wenn die LESS etwas anstoßen soll: Woran würden Sie messen, ob sie erfolgreich war?
Anselm Pahnke: Erfolg würde ich nicht daran messen, wie viele Inhalte vermittelt wurden, sondern daran, ob etwas in Bewegung gekommen ist. Ein Gedanke, der bleibt. Eine Entscheidung, die anders getroffen wird. Ein Gespräch, das ehrlicher geführt wird.
Region im Blick: Was ist Ihr persönlicher Wunsch an die Teilnehmenden, wenn sie nach Hause gehen?
Anselm Pahnke: Mein Wunsch ist, dass die Teilnehmenden mit weniger Antworten nach Hause gehen, aber mit besseren Fragen. Und mit dem Gefühl, dass sie selbst Teil der Veränderung sind. Und vielleicht mit der Bereitschaft, sich ein Stück mehr zu erleben auch dort, wo es unsicher wird.


