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Nachrichten aus Region meets Business

Innovation im Schwarzwald: Wie der Mittelstand von der Startup-Dynamik profitieren kann

Experten diskutierten bei Testo in Titisee-Neustadt über strategische Allianzen, künstliche Intelligenz und die Notwendigkeit, beim Wachstum neue Wege zu gehen

Während draußen der Schwarzwald grüßt, wird im Headquarter des Messgerätespezialisten Testo in Titisee über Strategien und Zukunft diskutiert. Rund 150 Gäste sind der Einladung gefolgt, um über eines der drängendsten Themen der regionalen Wirtschaft zu sprechen: Wie finden etablierte Familienunternehmen und agile Startups so zueinander, dass am Ende echte Innovation entsteht?

Podiumsdiskussion bei Testo mit (von links) Moderatorin Barbara Mayer (ADVANT Beiten), Testo-CEO Eckhard Kloth, Thomas Scheuerle (Geschäftsführer BadenCampus), Patricie Merkert (Institutsleitung Fraunhofer IAF) und Leonard Sporleder (Geschäftsführer machn GmbH).

GerdLache

Hinter dem Format „Startup-Strategien für den Mittelstand“ stehen die Innovationsinitiative bwcon und die Wirtschaftskanzlei ADVANT Beiten (Standort Freiburg) sowie jeweils ein gastgebendes Unternehmen. bwcon-Vorstand Gerhard Manz, sagt zur Motivation, man wolle gezielt etwas für den Mittelstand tun, insbesondere für familiengeführte Unternehmen, die „anders ticken als börsennotierte Konzerne“. In einer Zeit, in der Innovationen zunehmend aus der Startup-Szene kommen würden, sei der Kontakt für den Mittelstand überlebenswichtig, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

KI – mehr als ein Trend
Dass Testo nicht nur über Innovation spricht, sondern sie lebt, verdeutlicht CEO Eckhard Kloth. Das Unternehmen nutzt beispielsweise Künstliche Intelligenz (KI) intensiv in seinen Produkten. Ein markantes Beispiel ist die Optimierung von Frittier-Öl für Kunden wie McDonald’s: Testo-Sensoren messen die Ölqualität, und eine KI berechnet präzise den optimalen Zeitpunkt für den Ölwechsel. Bis zu 2.700 Euro Einsparung pro Filiale, bei weltweit 40.000 Restaurants eine satte Summe.
Auch bei der Überwachung von Kühlketten in der Pharma- und Lebensmittelindustrie hilft KI, die tatsächliche Produkttemperatur basierend auf Umgebungswerten exakt zu bestimmen.
Intern setzt Testo auf eine konsequente Befähigung: In der eigens gegründeten Testo AI Academy ist die Weiterbildung für administrative Mitarbeiter verpflichtend. Kloth betonte: „Mitarbeiter bei Testo werden nicht durch KI ersetzt, sondern durch Mitarbeiter, die verstehen, KI richtig einzusetzen“.

CEO Eckhard Kloth erläutert die Funktionsweise des Frittier-Öl-Sensors von Testo in Kooperation mit Künstlicher Intelligenz

GerdLache

Strategie schlägt Opportunismus
Lars Wochnik, Head of Strategy Office bei Testo, gab tiefe Einblicke in die Evolution der unternehmenseigenen Startup-Strategie. Sein wichtigstes Learning: Der Wechsel von einem „Opportunity Driven“ zu einem „Strategy Driven“ Ansatz. Früher habe man sich Gelegenheiten angeschaut, heute suche man gezielt nach Partnern, die zur „Strategie 2030“ passen.

Für den Mittelstand identifizierte Wochnik wesentliche Erfolgsfaktoren:

  • Der Funnel-Prozess: Testo nutzt einen fünfstufigen Prozess von der Identifikation über Pitch und Pilotprojekt bis hin zur Due Diligence und Integration.
  • Interne „Startup Scouts“: Um Akzeptanz im Unternehmen zu schaffen, braucht es einen „Pull-Effekt“ aus den Fachbereichen. Experten aus Hardware, Software und Marketing bewerten die Startups frühzeitig.
  • Augenhöhe: Startups dürfen nicht als bloße Lieferanten behandelt werden; ihre Kultur und der „Founder-Spirit“ müssen respektiert werden.

Ermuntert den Mittelstand, sich aktiv mit dem Thema Startup-Strategie zu befassen: Lars Wochnik, Head of Strategy Office bei Testo.

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Tipps aus der Podiumsdiskussion
In der von Dr. Barbara Mayer (ADVANT Beiten) moderierten Runde wurde deutlich, dass Kooperationen oft an internen Hürden scheitern. Die Experten gaben den Gästen konkrete Erfahrungen mit auf den Weg:

1. Ressourcen freistellen: Eckhard Kloth warnte davor, Startup-Projekte nebenbei im Tagesgeschäft laufen zu lassen. Es brauche dedizierte Budgets und Mitarbeiter.

2. Mut zum (scheinbaren) Scheitern: Dr. Patricie Merkert (Fraunhofer IAF) und Dr. Thomas Scheuerle (BadenCampus) betonten, dass eine hohe Lernkurve oft wertvoller sei als ein sofortiger finanzieller Erfolg.

3. Stakeholder-Management: Kloth berichtete offen über gescheiterte Deals, bei denen der Business Case zwar stimmte, aber die strategische Zustimmung des Verwaltungsrats fehlte.

4. Regionaler Fokus: Leo Sporleder (machn GmbH) hob die Stärke der Region hervor. Durch die Partnerschaft mit Black Forest Labs (international bekannt durch den KI-Bildgenerator Flux) wolle man dem Mittelstand einfachen Zugang zu hochqualitativer visueller KI aus Freiburg ermöglichen.

Machen statt Zögern
Die Veranstaltung machte klar: Der Mittelstand muss sich öffnen. Ob durch die Zusammenarbeit mit Innovationsplattformen wie dem BadenCampus oder durch eigene Pilotprojekte – der Weg zur Innovation führe über den Austausch. Lars Wochnik fasste es so zusammen: „Nicht reden, sondern machen“.

Text/Bilder: Gerd Lache

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