Wenn Vertrauen schwindet – warum Bürgermeister nicht wiedergewählt werden
Studierende der Hochschule Kehl analysieren 40 Fälle aus dem Regierungsbezirk Freiburg
Kehl. Eine Bürgermeisterin oder ein Bürgermeister verliert das Amt – nicht durch einen Skandal über Nacht, sondern durch einen Prozess, der oft lange im Verborgenen beginnt: kleine Irritationen, wachsende Distanz, ungelöste Konflikte.

Die Projektgruppe: (v.l.n.r. vorne) Jan Krummer, Celine Wieland, Onja Busam, Carolin Brugger, Prof. Paul Witt, Jakob Bauer, Fabian Oelze; (v.l.n.r. hinten) Celine Brenner, Helene Hieber, Lena Marte, Michael Scholz
Am Ende steht eine Wahlentscheidung, die mehr ist als ein bloßes Kreuz auf dem Stimmzettel: Sie ist das Ergebnis eines komplexen Spannungsfeldes zwischen Erwartungen, Kommunikation und Führung.
Genau diesen Mechanismen ist eine Fachprojektgruppe von zehn Studierenden der Hochschule für öffentliche Verwaltung Kehl unter der Leitung des ehemaligen Hochschulrektors Prof. Paul Witt nachgegangen. Ihre zentrale Fragestellung lautete: Warum werden Bürgermeisterinnen und Bürgermeister nicht wiedergewählt?
Zu Beginn der Untersuchung wurden das Regierungspräsidium Freiburg sowie alle neun Landratsämter im Regierungsbezirk kontaktiert, um jene Gemeinden zu identifizieren, in denen es seit 2004 zu Nichtwiederwahlen amtierender Bürgermeisterinnen und Bürgermeister gekommen war. Das Ergebnis dieser Recherche ergab insgesamt 40 Fälle zwischen 2004 und 2025.
Im nächsten Schritt wandte sich die Projektgruppe direkt an die betroffenen Städte und Gemeinden. Ein selbst entwickelter Fragebogen erhob unter anderem soziodemografische Daten der Amtsinhaber und Herausforderer sowie strukturelle Gemeindedaten wie Einwohnerzahl, Wahlbeteiligung und Parteizugehörigkeit. 13 der 40 Gemeinden beteiligten sich an der Umfrage. Diese empirische Grundlage wurde durch umfangreiche qualitative Analysen ergänzt. Zeitungsberichte, kommunale Veröffentlichungen und weitere Quellen zu Wahlbeteiligungen oder Schuldenständen wurden ausgewertet, um die Hintergründe der einzelnen Fälle möglichst differenziert zu erfassen.
Was zunächst wie eine Sammlung einzelner lokaler Ereignisse erscheint, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als Muster: Nichtwiederwahlen sind kein Zufall. Die Analyse zeigt, dass sie meist das Ergebnis eines längerfristigen Prozesses sind. Konflikte bauen sich auf, Vertrauen erodiert schrittweise und häufig unbemerkt, bis es zu spät ist. Besonders auffällig ist dabei, dass Nichtwiederwahlen überproportional häufig in kleineren Gemeinden mit weniger als 10.000 Einwohnenden auftreten. Der Grund liegt in der besonderen Nähe zwischen Bürgerschaft und Bürgermeisterin bzw. Bürgermeister. Entscheidungen, Auftreten und Kommunikation werden hier intensiver wahrgenommen und auch kritischer bewertet. Ebenfalls auffällig ist, dass im Landkreis Rottweil, gemessen an der Anzahl der Gemeinden, im Vergleich zu anderen Regionen überdurchschnittlich viele Bürgermeister ihren Posten verloren haben. Im Schwarzwald-Baar-Kreis wurde selten ein Bürgermeister abgewählt.
Im Zentrum der Analyse steht das theoretische Modell der Identifikation und Projektion nach Bäuerle und Kern, das ermöglicht, die Ergebnisse einzuordnen. Erfolgreiche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister müssen demnach zwei Erwartungen gleichzeitig erfüllen. Einerseits müssen sie als „eine bzw. einer von uns“ wahrgenommen werden, nahbar, präsent und in der Gemeinde verwurzelt sein. Andererseits sollen sie Führung ausstrahlen, Entscheidungen treffen und Orientierung geben. Gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken, entsteht häufig eine Grundlage für eine Nichtwiederwahl.
Während viele vermeintlich naheliegende Faktoren überraschend wenig Einfluss haben, zeigen sich andere als besonders gewichtig. Alter, Familienstand oder Verschuldung der Gemeinde sind kaum ausschlaggebend. Auch ein auswärtiger Wohnsitz wird nur dann problematisch, wenn weitere Kritikpunkte hinzukommen. Entscheidend sind vielmehr Konflikte innerhalb der kommunalen Führungsstrukturen. Spannungen zwischen Bürgermeisterin bzw. Bürgermeister und Gemeinderat, mangelnde Transparenz oder Kommunikation sowie das Gefühl politischer Ausgrenzung spielen eine zentrale Rolle. Wenn solche Konflikte öffentlich sichtbar werden, wirkt sich der Vertrauensverlust schnell auf die Bürgerschaft aus. Noch gravierender sind Fälle, in denen straf- oder disziplinarrechtliche Verfahren das Amt belasten, da sie die Integrität der Amtstragenden infrage stellen.
Ein weiterer zentraler Befund ist, dass Herausforderer im Wahlkampf strukturelle Vorteile besitzen. Sie können mit dem Versprechen eines Neuanfangs auftreten, Kritik an bestehenden Strukturen äußern und Erwartungen formulieren, ohne Verantwortung für Vergangenes zu tragen. Viele von ihnen kommen aus der Verwaltung oder der freien Wirtschaft und versprechen, bekannte Konflikte zu lösen und die Kommunikation mit Gemeinderat und Bürgerschaft zu verbessern. Amtsinhabende hingegen stehen unter Rechtfertigungsdruck und müssen ihre Bilanz erklären und verteidigen. Besonders erfolgreich sind Kandidierende, die bereits im Gemeinderat aktiv waren, sie verbinden fachliche Erfahrung mit einem bekannten Bild im Ort. Die Analyse zeigt, dass Wahlkämpfe häufig nicht allein durch Inhalte entschieden werden, sondern durch Kommunikation, Auftreten und strategische Positionierung.
Trotz aller individuellen Unterschiede führen die Ergebnisse zu einer klaren übergeordneten Erkenntnis: „Nichtwiederwahlen sind kein Betriebsunfall der kommunalen Demokratie. Sie sind vielmehr ein Ausdruck einer aktiven Bürgerschaft, die auf wahrgenommene Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit reagiert. Die Stabilität kommunaler Führungsämter ist damit kein Selbstläufer, sondern muss immer wieder neu erarbeitet werden“, so Prof. Paul Witt.
Aus den Erkenntnissen leitete die Projektgruppe konkrete Handlungsempfehlungen ab. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sollten die Balance zwischen Bürgernähe und Führungsstärke bewusst gestalten, ihre Kommunikation stärken und Konflikte aktiv moderieren. Gemeinderat und Verwaltung sind dabei als partnerschaftliche Organe zu begreifen. Zudem sollte der Wahlkampf strategisch geplant und ernst genommen werden, da Herausforderer nicht unterschätzt werden dürfen. Auch eine zu große Selbstgewissheit kann sich negativ auswirken. Die Untersuchung zeigt deutlich, dass nicht einzelne Fehlentscheidungen zur Abwahl führen, sondern meist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren über einen längeren Zeitraum hinweg.
Die Ergebnisse zeigen Muster auf, identifizieren Risiken und geben Impulse für weitere Forschungen, nicht nur im Regierungsbezirk Freiburg, sondern für Baden-Württemberg insgesamt. Die Arbeit der Fachprojektgruppe macht deutlich, dass erfolgreiche kommunale Führung weit über Verwaltungshandeln hinausgeht. Sie basiert auf Beziehung, Kommunikation und Vertrauen. Wo dieses Gleichgewicht verloren geht, beginnt ein Prozess, der am Ende an der Wahlurne entschieden wird und darin liegt mitunter die Stärke der kommunalen Demokratie.
Die vollständige Dokumentation kann unter www.hs-kehl.de/studentische-projekte eingesehen werden.
Hintergrund
Die Arbeit knüpft an die Dissertation von Dr. Timm Kern MdL an, der im Zeitraum von 1973 bis 2003 alle baden-württembergischen Gemeinden analysierte, in denen eine Bürgermeisterin oder ein Bürgermeister nicht erneut gewählt wurde. Das Jahr 1973 wurde von Dr. Timm Kern bewusst gewählt, da in diesem Zeitraum die Gemeindereform in Baden-Württemberg durchgeführt wurde. Aus ehemals 3.379 selbständigen Gemeinden mit eigenen Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern und Gemeinderätinnen und Gemeinderäten entstanden (Stand 2026) 1.101 politisch selbständige Gemeinden. Die Spannweite reichte von der kleinsten Gemeinde Böllen im Landkreis Lörrach mit gerade rund 100 Einwohnenden bis hin zur Landeshauptstadt Stuttgart mit rund 612.000 Einwohnenden.
Die Kehler Projektgruppe führte diese Forschung mit einem aktuellen Blick auf die Entwicklungen der vergangenen zwei Jahrzehnte fort. Während Kern landesweit analysierte, konzentrierte sich die neue Untersuchung bewusst auf den Regierungsbezirk Freiburg. Die Entscheidung fiel nicht zufällig: Die Hochschule Kehl liegt selbst in dieser Region und viele Studierende stammen aus Gemeinden des Regierungsbezirks Freiburg. Dieser Zugang ermöglichte nicht nur Daten, sondern auch ein tieferes Verständnis für die kommunalen Strukturen vor Ort.


