Geschäftsklima so schlecht wie seit Beginn der Corona-Krise
Waldkirch: Die Rezession hat den industriellen Mittel-stand Baden-Württembergs voll erfasst. Die Lage der Unternehmen ist so schlecht wie seit dem Corona-Jahr 2020 nicht mehr. Nach einem kurzen Lichtblick im Frühjahr haben sich die Erwartungen stark eingetrübt.

wvib-Konjunktur-Pressekonferenz bei der Mack Rides GmbH & Co. KG: Auch die Podiumsteilnehmer Benedikt Becherer, Geschäftsführer Becherer Möbelwerkstätten Innenausbau GmbH; wvib-Hauptgeschäftsführer Dr. Christoph Münzer; Bert Sutter, wvib-Präsident und Geschäftsführer Sutter Medizintechnik GmbH, und Gastgeber Christian von Elverfeldt, Geschäftsführer Mack Rides GmbH & Co. KG, stehen hinter der Kampagne Einigkeit.Recht.Freiheit.
Das ist das Ergebnis der Konjunkturumfrage der Schwarzwald AG zum ersten Halbjahr des Jahres 2024, die heute bei MACK Rides in Wald-kirch vorgestellt wurde.
Hauptgeschäftsführer Dr. Christoph Münzer: „Es gibt keinen Grund zur Entwarnung: Weltweit schwächelt die Nachfrage nach Industriegütern und in Deutschland bleibt sie besonders schwach. Während andere Länder aus der Krise herauswachsen, bleibt Deutschland stecken. Die Schwäche hat strukturelle Gründe. Hohe Energiekosten und eine welt-weit rekordverdächtige Steuerlast, knappe Arbeitskräfte und eine läh-mende Bürokratie schwächen unsere Unternehmen gegenüber der aus-ländischen Konkurrenz. Jede ernsthafte Wachstumsinitiative muss hier ansetzen.“
Für das erste Halbjahr des Jahres 2024 meldeten die wvib-Mitgliedsunternehmen ein Umsatzminus von 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (1. Halbjahr 2023: plus 13,1 Prozent). Im ersten Quartal betrug das Umsatzminus lediglich 1 Prozent. Im Gesamtjahr 2023 hatte sich der Umsatz noch um 3,1 Prozent verbessert. Auch in der Detailbetrachtung hat sich die Umsatzentwicklung deutlich verändert: 66 Prozent der Unternehmen meldeten gesunkene Umsätze.
Im ersten Halbjahr 2023 mussten lediglich 20,5 Prozent der Unternehmen gesunkene Umsätze vermelden. Gestiegene Umsätze gaben in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres 27,3 Prozent der Unternehmen an – vor einem Jahr meldeten dagegen 72,1 Prozent einen Anstieg.

In den ersten drei Monaten des laufenden Jahres konnten noch 30,9 Prozent der Unternehmen gestiegene Umsätze erzielen, bei 61,9 Pro-zent waren die Umsätze geringer als zuvor.
Die Geschäftserwartungen sind ebenfalls negativer als zuvor: 23,2 Prozent rechnen in den nächsten sechs Monaten mit steigenden Um-sätzen (1. HJ 2023: 28,4 Prozent). 52,1 Prozent erwarten keine Verän-derung, wohingegen 24,7 Prozent mit einem Umsatzrückgang in den nächsten sechs Monaten rechnen (1. HJ 2023: 32,6 Prozent).
Diese Werte belegen: Die Erwartungen der Unternehmer haben sich nach kurzzeitig besserer Stimmung im ersten Quartal nun wieder nach unten korrigiert. Im April gingen noch rund 25,9 Prozent von steigenden und 22,3 Prozent von geringen Umsätzen aus.

wvib-Geschäftsklima-Index
Verrechnet man positive und negative Umsatzentwicklung, so erhält man einen Wert für die Geschäftslage der Unternehmen. Analog dazu ist die Geschäftserwartung der Saldo aus positiver und negativer Um-satzerwartung. Aus dem Mittel zwischen Geschäftslage und Geschäfts-erwartung bildet sich das wvib-Geschäftsklima.
Das wvib-Geschäftsklima liegt derzeit bei minus 21,1 Punkten. Das bedeutet eine erneute Verschlechterung, in der April-Umfrage lag der Wert bei minus 14,4 Punkten. In der Umfrage vor einem Jahr lag das Geschäftsklima noch mit 22 Punkten im Plus. Sowohl die Werte zur Ge-schäftslage (minus 38,7 Punkte) als auch zur Geschäftserwartung (minus 1,5 Punkte) sind deutlich schlechter als in den Umfragen zuvor. Bei der Geschäftslage ist es der schlechteste Wert seit dem Höhepunkt der Corona-Pandemie im zweiten Halbjahr 2020.
Die Erwartungen dagegen sind nach einer Verbesserung in der April-Umfrage (3,67) wieder unter den Nullpunkt gefallen. Allerdings waren die Erwartungen vor sechs Monaten mit minus 12,5 Punkten noch deut-lich schlechter als heute.
Betrachtet man die Umsatzentwicklung im Detail, zeigen sich bei den einzelnen Branchen deutliche Unterschiede: Das krisengebeutelte wvib-Branchencluster Automotive liegt mit rund 5,1 Prozent Minus knapp über dem Durchschnitt. Vor drei Monaten war das Minus mit 8,8 Prozent noch deutlich drastischer.
Im Cluster Medizintechnik (minus 6,83 Prozent) ist die Lage ebenfalls etwas besser als im Rest der Industrie, genau wie bei den Unterneh-men der Mess- und Regeltechnik (0,43 Prozent plus) und der Elektro-technik (minus 6 Prozent). Unter dem Durchschnitt liegen die Kunst-stoffbranche (minus 12,4 Prozent), der Maschinenbau (minus 8,8 Pro-zent) sowie die Metallindustrie (minus 9,5 Prozent).
Die Aussichten für die nächsten sechs Monate gehen in den einzelnen Branchen deutlich auseinander: Im Automotive-Cluster rechnen 13,7 Prozent mit steigenden Umsätzen. In der Mess- und Regeltechnik sind es 31,2 Prozent, in der Medizintechnik 23,3 Prozent. Im Maschinenbau erwarten 33,3 Prozent und in der Kunststoff-Branche 23,1 Prozent steigende Umsätze.
Das wvib-Geschäftsklima für das Automotive-Cluster liegt damit aktu-ell bei minus 28 Punkten. Zum Ende des Vorjahres lag der Wert bei minus 2,7 Punkten, in der Umfrage zum ersten Halbjahr 2023 bei minus 0,5 Punkten.
Im Cluster Maschinenbau liegt das Geschäftsklima bei minus 18,9 Punkten. Spannend am zyklischen Maschinenbau-Geschäft: Die Ge-schäftslage ist mit einem Minus von 47,2 Punkten so tief wie in kaum ei-ner anderen Branche, während die Geschäftserwartung mit 14,6 Punk-ten im Plus liegt.
In der Medizintechnik ist die Geschäftslage mit minus 28 Punkten bes-ser als im Maschinenbau. Kurios: Die Geschäftserwartungen liegen exakt bei 0 Punkten. Damit ergibt sich ein Geschäftsklima von minus 14,5 Punkten.
Bei den Kunststoffunternehmen liegt die Geschäftslage mit minus 52,2 Punkten deutlich unter den übrigen Branchen. Die Geschäftserwartun-gen dagegen liegen mit 3,84 Punkten nur leicht im Minus. Für die Branche ergibt sich damit ein Geschäftsklima von 29,7 Punkten im Minus.
Die energieintensiven Metallverarbeiter der Schwarzwald AG leiden ebenfalls: Hier liegt die Geschäftslage bei minus 40,3 Punkten, die Er-wartung bei minus 10,6 Punkten. Damit ergibt sich ein Geschäftsklima von minus 26,1 Punkten für die Branche.
Auch beim Frühindikator Auftragseingang schlägt sich die Krise deut-lich nieder. In den vergangenen sechs Monaten ist der Auftragseingang in den Unternehmen der Schwarzwald AG um 3,85 Prozent zurückge-gangen. Vor drei Monaten betrug das Minus lediglich 1,7 Prozent. Zum Ende des vergangenen Jahres stand hier bereits ein Minus von 4,1 Pro-zent. In der Umfrage vor einem Jahr vermeldeten die befragten Unter-nehmen ein Minus von 2,2 Prozent.
Bei 53,3 Prozent der Unternehmen hat sich der Auftragseingang im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert (1. HJ 2023: 46,5 Prozent), bei 31,9 Prozent (1. HJ 2023: 38,4 Prozent) verbessert.

Gastgeber Christian von Elverfeldt, Geschäftsführer Mack Rides GmbH & Co und Benedikt Becherer, Geschäftsführer Becherer Möbelwerkstätten Innenausbau GmbH
Bei der Entwicklung der Auftragseingänge bleiben die Unternehmen weiter zurückhaltend: Aktuell erwarten 19,9 Prozent der befragten Un-ternehmen steigende Auftragseingänge, vor einem Jahr waren es 23 Prozent. 58,4 Prozent rechnen mit keiner Veränderung, während 21,7 Prozent in den nächsten sechs Monaten sinkende Auftragseingänge er-warten (1. HJ 2023: 37,5 Prozent).
Die Ertragslage beurteilen 20,6 Prozent der Befragten mit „gut“ (1. HJ 2023: 35,3 Prozent), 49,6 Prozent als „befriedigend“ (1. HJ 2023: 45,1 Prozent) und 29,8 Prozent als „schlecht“ (1. HJ 2023: 19,6 Prozent).
13,4 Prozent erwarten eine Verbesserung – vor einem Jahr waren es 13,5 Prozent. Wo vor einem Jahr 26,7 Prozent mit fallenden Erträgen rechneten, sind es heute 23,5 Prozent.
Angesichts des Fachkräftemangels haben sich konjunkturelle Schwan-kungen in der Vergangenheit kaum auf die Personalpolitik oder die Zahl der Arbeitsplätze in der Schwarzwald AG ausgewirkt. Dadurch kam die Rezession kaum in der Bevölkerung an. Das ändert sich gerade: 50,2 Prozent der befragten Unternehmen haben in den letzten sechs Mona-ten einen Rückgang der Beschäftigtenzahlen verzeichnet, 37,9 Prozent einen Anstieg. Vor einem Jahr hatten noch 51,3 Prozent der Unterneh-men ihre Beschäftigtenzahl erhöht, während damals 36,5 Prozent den Personalstamm verkleinerten.
Eine ähnliche Sprache sprechen auch die Prognosen zur Entwicklung der Mitarbeiterzahl: Nur noch 18,2 Prozent rechnen in den nächsten sechs Monaten mit mehr Beschäftigten (1. HJ 2023: 28,8 Prozent). 64,8 Prozent gehen von einer gleichbleibenden Mitarbeiterzahl aus. Knapp 17 Prozent erwarten dagegen einen Rückgang – vor einem Jahr waren es 13,8 Prozent.
Die Kapazitätsauslastung der Unternehmen hat sich in den vergange-nen Monaten drastisch verschlechtert: Nur noch 10,1 Prozent meldeten eine hohe Auslastung, bei 22,3 Prozent blieb sie unverändert. 67,7 Pro-zent gaben eine eher niedrige, schlechte Auslastung ihrer Produktion an. Im Vorjahr lagen diese Werte bei knapp 17, 35 und 48 Prozent.
Die Investitionsquote der Unternehmen liegt derzeit bei 5,5 Prozent, vor einem Jahr lag sie bei rund 6 Prozent.
Schon vor sechs Monaten haben wir die CEOs in der Zusatzfrage ge-fragt „Geht es wieder bergauf? Und wenn ja, wann?“. Auch hier zeigt sich: Der Aufschwung ist verschoben. Wo vor sechs Monaten noch 39,8 Prozent der Befragten an einen Aufschwung im zweiten Halbjahr 2024 glaubten, sind es heute nur noch 17,2 Prozent.
30 Prozent rechnen mit einem Aufschwung im ersten Halbjahr 2025. Vor sechs Monaten waren 19,8 Prozent der Ansicht, dass es im ersten Halbjahr 2025 wieder bergauf gehen wird. 15,8 Prozent erwarten einen Aufschwung im zweiten Halbjahr 2025 (zuvor: 8,7 Prozent) 9 Prozent rechnen Anfang 2026 wieder mit einer positiven Entwicklung, 3,7 Pro-zent glauben, dass es noch länger dauern wird (zuvor 8 Prozent). 24 Prozent der Befragten halten die Schwächephase für kein vorüberge-hendes Phänomen – vor sechs Monaten hatten nur 16 Prozent der Be-fragten diese Antwort gewählt.
In einer weiteren CEO-Zusatzfrage hat die wvib Schwarzwald AG ihre Mitgliedsunternehmen gefragt, ob die Standortdebatten und die wirt-schaftspolitischen Diskussionen der Ampel dazu führen, dass sie sich künftig politisch stärker zu Wort melden möchten.
Die Antworten ergeben ein gemischtes Bild: Ein knappes Viertel der Be-fragten möchte sich künftig stärker als bisher zu Wort melden, ähnlich viele sind bereits aktiv und äußern sich intern und extern zu politischen Themen unterschiedlicher Art. Für rund 44 Prozent der Befragten kommt ein stärkeres eigenes politisches Engagement nicht in Frage, sie setzen aber auf Verbände wie den wvib als politische Interessenvertre-tung. Als Gründe werden Kapazitäten, Konzernvorgaben oder persönli-che Präferenzen genannt. Ausdrückliches Desinteresse ist nicht dabei.
Der Ausblick von wvib-Hauptgeschäftsführer Dr. Christoph Münzer: "Die Hoffnung auf eine rasche Erholung sind verflogen. Trotz akzeptabler Zinsniveaus, leerer Lager und intakter Lieferketten kommt die Konjunk-tur nicht richtig in Tritt. Mehr als globale Spannungen und Konflikte be-lastet der aktuelle wirtschaftspolitische Ansatz in Brüssel und Berlin die Stimmung. Immer neue komplizierte und kostspielige Regulierungen lö-sen an den Märkten keine Fantasie aus. Unternehmer müsse sich mehr denn je selbst motivieren.”


