Der Vibe ist laut
Die Affenbande steckt mitten in der Vorbereitung auf die neue Bundesligasaison. Zweimal am Tag wird trainiert, die Beine werden schwer, der Schweiß tropft – und trotzdem fällt in diesen Wochen vor allem auf, mit welcher Lust diese neue Mannschaft miteinander spielt. Eine Momentaufnahme aus einer Freiburger Halle, in der gerade etwas zusammenwächst.

Es ist laut in der Halle, aber nicht auf diese angestrengte Art, mit der Mannschaften manchmal versuchen, im Training Energie zu erzeugen. Hier passiert der Lärm eher von selbst. Ein Ball wird im letzten Moment vom Boden gekratzt, das Zuspiel gerät eigentlich ein bisschen zu weit nach außen, der Angreifer findet trotzdem noch irgendeine Hand im Block – Punkt. Sofort gehen die Arme hoch, zwei Spieler schlagen über ihren Köpfen ein, von hinten kommt ein Schrei, einer klopft dem anderen auf den Rücken. Ein Spruch fliegt über das Netz, auf der anderen Seite wird gelacht. Dann liegt schon der nächste Ball in der Luft. So klingt die Vorbereitung der FT 1844 Freiburg in diesen Tagen. Es wird gerufen und gekämpft, gescherzt und gelitten, gejubelt und diskutiert, abgeklatscht, umarmt und geherzt – manchmal alles innerhalb eines einzigen Ballwechsels und der paar Sekunden danach. Der Vibe ist laut.
Vielleicht passt das auch deshalb so gut zu diesen Spätsommertagen in Freiburg, an denen die Stadt noch nicht recht akzeptieren möchte, dass der Sommer eigentlich vorbei ist. Draußen ist es warm, drinnen erst recht, und weil die Affenbande derzeit zweimal täglich trainiert, kleben irgendwann die Shirts an den Körpern und auf dem Hallenboden bleiben dunkle Flecken zurück. Kurz wischen, einen Schluck trinken, weiter. Luca Hauser beobachtet viele dieser Szenen vom Rand. Der Teampsychologe begleitet die Mannschaft auch in dieser Vorbereitung, die ersten gemeinsamen Sitzungen liegen bereits hinter ihr, und für das, was er derzeit auf dem Feld sieht, hat er einen ziemlich passenden Begriff gefunden: „Baller“. Spieler, die mit dem Ball etwas anfangen können, auch dann, wenn eine Situation eigentlich schon kaputt aussieht. Die nicht nur die saubere, im System vorgesehene Lösung kennen, sondern auch die kreative, die clevere oder gelegentlich die etwas schmutzige.
Man muss Takumi Kameyama eine Weile dabei zuschauen, um zu verstehen, was damit gemeint ist. Der Japaner hebt die rechte Hand, der Körper geht mit, für einen Moment sieht alles nach einem Angriff aus – und dann kommt doch das Zuspiel. Wenig später dasselbe Spiel in einer anderen Variante: Mit rechts täuscht er den Schlag an, der Gegner reagiert, Kameyama nimmt im letzten Moment die linke Hand und lobt den Ball hinüber. Es sind keine spektakulären Aktionen um ihrer selbst willen, eher kleine Gemeinheiten eines Spielers, der offenbar Freude daran hat, eine Situation eine halbe Sekunde früher zu verstehen als sein Gegenüber. Auch anderswo tauchen solche Momente auf. Ein Block wird angeschlagen, statt mit aller Gewalt hindurchzuschlagen, ein eigentlich verlorener Ball bekommt im Fallen noch eine Hand, ein Angreifer wartet bei einem schlechten Zuspiel eine Spur länger und findet doch noch eine Lösung. Nicht alles davon steht im Lehrbuch. Aber ziemlich viel davon macht Spaß.
Diese Lust am Spielen fällt vielleicht gerade deshalb auf, weil in diesem Sommer sehr unterschiedliche Volleyballwelten im Breisgau zusammengekommen sind. Kameyama bringt japanische Spielkultur und die Erfahrung einer Meistersaison in Finnland mit, Owen Rose ist im stark systemgeprägten amerikanischen Collegevolleyball groß geworden, Yvo Lunsing kommt mit Athletik und niederländischer Angriffswucht. Jonas Peter bringt Schweizer Energie in die Annahme, während Phillip Seils, der Jüngste im Kader, schon seit Monaten jede zusätzliche Einheit aufsaugt, die er bekommen kann. Andere Wege, andere Sprachen, andere Vorstellungen davon, wie Volleyball gespielt wird – und nun stehen sie auf derselben Seite des Netzes und müssen herausfinden, was daraus werden kann.
Es gibt in einer Vorbereitung die großen Dinge, über die Trainer sprechen: Block-Feldabwehr, Annahmeformationen, Aufschlagdruck, Angriffstempi. Und dann gibt es diese kleinen Szenen, die in keiner Statistik auftauchen. Ein Spieler gewinnt einen langen Ballwechsel, doch bevor er selbst richtig jubeln kann, hängt ihm schon ein Mitspieler am Hals. Nach einer starken Abwehr rennt einer quer über das Feld, nur um dem anderen auf den Rücken zu schlagen. Nach einem gewonnenen Trainingsspiel stehen plötzlich fünf Spieler zusammen, Arme um Schultern, verschwitzte Gesichter, breites Grinsen. René Stegmeier, der für das Teambuilding zuständig ist, hat vor allem diese Momente wahrgenommen. Die Freude füreinander sei groß, sagt er, ebenso die Bereitschaft, sich zu öffnen.
Das klingt zunächst nach einem weichen Faktor in einem Sport, in dem ziemlich hart geschlagen, gesprungen und geblockt wird. Tatsächlich dürfte genau darin eine der Aufgaben dieser Wochen liegen, denn diese Mannschaft kennt sich noch nicht lange. Man muss herausfinden, wie der andere reagiert, wann er einen Scherz verträgt und wann er Ruhe braucht, wer nach einem Fehler eine Ansage möchte und wer lieber sofort den nächsten Ball bekommt. Und natürlich geht es auch sportlich um Vertrauen: Welchen Ball möchte ein Angreifer in einer schwierigen Situation, wer übernimmt eine kurze Annahme, wer ruft, wer lässt? Manchmal kann man diesem Vertrauen beim Entstehen zusehen.
Natürlich funktioniert längst nicht alles, und vermutlich wäre es für diese Phase der Vorbereitung sogar ein schlechtes Zeichen, wenn es anders wäre. Ein Angreifer läuft los, das Zuspiel landet hinter ihm, der Ball fällt auf den Boden, beide schauen sich kurz an. Ein paar Worte, eine Handbewegung, noch einmal. Beim nächsten Versuch stimmt das Timing besser. An anderer Stelle wird nach einem verlorenen Ball diskutiert, wer ihn hätte nehmen müssen. Keine große Sache, eher diese kleinen Verhandlungen, aus denen irgendwann Automatismen werden. Den bislang deutlichsten Rückschlag musste Yannick Harms hinnehmen, den eine Kapselverletzung für rund zwei Wochen ausbremst. Also wird auch dort improvisiert, Belastung verteilt, weitergearbeitet.
Der Rhythmus dieser Wochen ist ohnehin wenig romantisch: morgens Halle, danach Essen und Regeneration, später wieder Training, dazu Kraftarbeit, Behandlungen, Gespräche und Teamtermine. Irgendwann werden die Beine schwer, irgendwann wird der Kopf müde, und am nächsten Morgen beginnt das Ganze von vorn. Jakob Schönhagen und sein Trainerteam arbeiten in diesen Tagen deshalb an mehr als Laufwegen und Blocksystemen. Sie müssen herausfinden, was diese Gruppe kann, welche Kombinationen funktionieren und welche Art Volleyball zu ihr passt – und vielleicht auch, welche Art Mannschaft sie sein möchte.
Geschäftsführer Peter Gerspach hatte bei der Zusammenstellung des Kaders einen Wunsch formuliert: Es solle eine Mannschaft entstehen, die begeistern kann. Ob sie das kann, lässt sich in einer warmen Freiburger Trainingshalle natürlich noch nicht beantworten. Dafür wurde noch kein Bundesligapunkt vergeben, kein fünfter Satz unter Druck gespielt und keine schwierige Phase gemeinsam überstanden. Aber eine Vorbereitung liefert manchmal kleine Hinweise.
Einer davon kommt an diesem Nachmittag wieder von der anderen Seite der Halle. Ein langer Ballwechsel, erst eine Abwehr, dann noch eine, schließlich bekommt ein Angreifer den Ball irgendwie am Block vorbei auf den Boden. Für einen Moment entsteht dieses kleine Durcheinander, das inzwischen ziemlich typisch wirkt: Arme gehen hoch, einer brüllt, zwei Spieler schlagen über den Köpfen ein, jemand fällt seinem Nebenmann um den Hals. Ein paar Meter entfernt liegt schon der nächste Ball bereit. Also lösen sie sich wieder voneinander, gehen auf ihre Positionen zurück und warten auf den nächsten Aufschlag. Für einen kurzen Moment wird es ruhig.
Dann fliegt der Ball.
Und die Halle wird wieder laut


