Millionenschwere Melodien aus dem Schwarzwald
Wie präzise Uhrmacherei den Grundstein für ein internationales Musikgeschäft legte
Was haben pfeifende Uhren, singende Vögel und fahrende Schausteller gemeinsam? Sie alle stehen am Anfang einer faszinierenden Erfolgsgeschichte, die im 18. Jahrhundert im Schwarzwald ihren Ursprung nahm und Millionenumsätze generierte.
Die Figuren-Drehorgel war eines der interessanten Exponate, die beim Vortragsabend vorgestellt wurden. Von links: Uhrenexperte Josef Saier, Orgelbauer Achim Schneider und Stefan Metzger, Vorsitzender des Fördervereins Kloster Museum St. Märgen.
Der Waldkircher Orgelbauer Achim Schneider entschlüsselte im Kapitelsaal des Kloster Museums St. Märgen die überraschenden wirtschaftlichen Wurzeln des Drehorgelbaus.
„Ohne die Uhrmacherei wäre der Drehorgelbau so nicht entstanden", sagte Schneider. Die Geschichte beginnt mit einem simplen Geschäftsmodell: Die günstigen und beliebten Schwarzwälder Uhren eroberten im 18. Jahrhundert die Weltmärkte. Aus diesem florierenden Export-Geschäft entwickelten findige Unternehmer immer raffiniertere Varianten – von einfachen Uhren mit Schlagwerk über bewegliche Figuren bis hin zu aufwendigen Instrumenten, den Spieluhren mit Orgelwerk..
Strategische Investition für fahrendes Gewerbe
Hauptkunden für Drehorgeln waren Schausteller und fahrendes Volk, die damit ihren Lebensunterhalt verdienten. Die Instrumente waren ideal für diesen Zweck: leicht zu bedienen, tragbar und vor allem lauter als Saiteninstrumente, um auf der Straße die Aufmerksamkeit der Menschen zu erregen. Nicht ohne Grund war eine der häufigsten Figuren auf den Drehorgeln der „Geldeintreiber", der dem Publikum einen Teller entgegenstreckte.
Die hölzerne Walze ist mit Stiften bestückt. Wenn sie sich dreht, stoßen die Stifte auf kleine Hebel, die über eine komplizierte Mechanik Ventile öffnen. Die Anordnung der Stifte auf der Walze bestimmen die Tonfolge und damit die Melodie.
Pioniere des Erfolgs
Schneider zeichnete die Lebensläufe der Branchenpioniere nach, die aus handwerklichem Können Weltkonzerne schufen. Ignaz Bruder (1780-1845), ursprünglich Maurer, erkannte das Potenzial und wechselte kurzerhand den Beruf. Seine Innovation: Figuren von den Uhren auf Drehorgeln zu übertragen. Diese „Figurendrehorgeln" machten ihn und seine Söhne weltbekannt und gingen ähnlich wie die Schwarzwälder Uhren in viele Länder.
Andreas Ruth (1817-1888), in Furtwangen ausgebildeter Uhrmacher aus Waldkirch, spezialisierte sich auf Straßeninstrumente und gründete mit seinem Sohn die Orgelfabrik „A. Ruth und Sohn", die zur Blütezeit um 1900 maßgeblich die Jahrmarktsorgeln weltweit verbreitete. Ein entscheidender Wettbewerbsvorteil: Während Saiteninstrumente sich bei Temperaturschwankungen verstimmten, erwiesen sich die Drehorgeln als robust und stimmfest.
Wissenstransfer als Erfolgsfaktor
Ein bemerkenswerter Aspekt der damaligen Branchenentwicklung war die systematische Wissensbeschaffung. Ignaz Bruder suchte gezielt die Expertise der Klöster auf. Besonders hervorzuheben ist sein Besuch in St. Märgen bei Pater Jakob, einem virtuosen Organisten, dessen musikalische Kompetenz für die Konstruktion komplexer Spieluhren unerlässlich war. Die Klöster fungierten als Wissenszentren, in denen die notwendigen mathematischen und mechanischen Grundlagen vermittelt wurden.
Tradition als Standortvorteil
Heute lebt die Orgelbautradition in Waldkirch mit einer ununterbrochenen Geschichte von 226 Jahren fort. In drei Werkstätten werden weiterhin Orgeln repariert, restauriert und neu gebaut.
Achim Schneider, der als Experte seines Fachs in Waldkirch Drehorgeln baut und restauriert, vermittelte im Kapitelsaal St. Märgen die komplexen Zusammenhänge. Seine Ausführungen zur Funktionsweise brachten auch Laien die technischen Raffinessen nahe.
Achim Schneider mit seiner Kartonnoten-Drehorgel, die 27 Töne und somit auch Halbtöne erzeugen kann. Mit ihr kann man nahezu ohne Pause Musikstücke spielen
Filigranes auf Großleinwand
Um die filigranen Figuren der historischen Instrumente während Schneiders Vortrag sichtbar zu machen, wurden diese mit einer Live-Kamera via Beamer auf einer Großleinwand gezeigt. Diese Idee wurde insbesondere von den Gästen in den hinteren Sitzreihen gelobt.
Positive Resonanz
Josef Saier, Uhrenexperte und Initiator des Vortrags, sowie Stefan Metzger, Vorsitzender des Fördervereins Kloster Museum St. Märgen, zeigten sich zufrieden über die erfreuliche Besucherresonanz. Referent Achim Schneider habe historisches Handwerk und moderne Wissensvermittlung erfolgreich miteinander verbunden.