Warum das Straßburger Münster auch ein bisschen zu Kehl gehört
Dass der Garten der zwei Ufer, die Passerelle des deux Rives und die Tramlinie D grenzüberschreitende Leuchtturmprojekte sind, ist gemeinhin bekannt. Dass aber auch Bau und Unterhaltung des Straßburger Münsters bereits Projekte rheinüberschreitender Zusammenarbeit waren, zeigt vom 8. Oktober bis 16. Januar die Ausstellung „800 Jahre:

In filigraner Kleinarbeit werden von Schmuckelementen des Münsters, die von der Witterung oder durch die Luftverschmutzung Schaden genommen haben, exakte Kopien angefertigt.
Die Münsterbauhütte und Kehl – eine rheinübergreifende Geschichte“ in der Innenstadt. Weil ein nicht unerheblicher Teil Kehls damals zum Gebiet der Münsterbauhütte gehörte, haben zwangsläufig auch Kehlerinnen und Kehler mit ihren Abgaben zur Finanzierung der Baustellen am Münster beigetragen. Und auch das Kehler Stadtwappen hat mit der Münsterbauhütte zu tun.
Lichtdurchflutete Räume, Grünpflanzen, historische Steine: Die Münsterbauhütte am Place du Château, La Fondation de l‘Œuvre de Notre-Dame de Strasbourg, wie die Einrichtung auf Französisch heißt, ist ein ganz besonderer Arbeitsplatz: Steinmetzinnen und Steinmetze sorgen hier zusammen mit Bildhauerinnen und Bildhauern auf zweierlei Art dafür, dass die abertausend Figuren, Reliefs, Ornamente, Balustraden oder Geländer, welche das Münster schmücken, erhalten bleiben. In millimetergenauer Kleinarbeit restaurieren sie die steinernen Schmuckstücke oder fertigen exakte Kopien an, die dann die Originale an den Fassaden ersetzen, die unter den Witterungsbedingungen oder durch die Luftverschmutzung Schaden genommen haben. Die Münsterbauhütte ist die einzige noch existierende in ganz Frankreich. Ihre Bedeutung unterstreicht auch der Umstand, dass das Bauhüttenwesen 2020 ins immaterielle UNESCO Kulturerbe aufgenommen wurde.
Als die Münsterbauhütte zu Beginn des 13. Jahrhunderts, circa 1226, gegründet wurde, war das Münster noch im Bau. Der 142 Meter hohe Turm wurde erst 1439 fertiggestellt und machte die Kathedrale damals zum höchsten Bauwerk des Abendlands. Doch auch danach und bis heute war und ist das Münster eine ständige Baustelle. Portale und Kapellen wurden weiter ausgebaut; Zerstörungen durch Stürme oder Blitzeinschläge machten immer wieder größere Interventionen nötig.

Als wichtigster Herrschaftsträger (Bannherr) und bedeutende Grundbesitzerin prägte die Münsterbauhütte die politische, wirtschaftliche, religiöse und rechtliche Entwicklung Kehls über drei Jahrhunderte hinweg – von 1491 bis 1802 – entscheidend mit. Über diese lange Zeitspanne trugen Kehlerinnen und Kehler mit ihren Steuern, Abgaben, Pachtzinsen und Arbeitsdiensten zur Deckung der Bau- und Unterhaltungskosten der Kathedrale bei. Sogar mit Schenkungen unterstützten Einwohnerinnen und Einwohner des rechtsrheinischen Gebiets die Münsterbauhütte. Noch heute ziert das Wappen der Münsterbauhütte den Giebel des Kehler Rathauses.
Und auch mit dem Kehler Wappen hat die Münsterbauhütte zu tun: Das älteste erhaltene Kehler Siegel von 1612 zeigt anteilig die Wappen der drei damaligen Herrschaftsträger. Die Straßburger Familien Böcklin von Böcklinsau (für das Haus Baden) und Lauenstein (für das Haus Nassau) teilen sich die eine Hälfte, die andere füllt vollständig das Wappen der Münsterbauhütte aus. Das heutige Kehler Wappen, das 1815 entstanden ist, geht auf eine Fehlinterpretation dieses Siegels zurück: Die Umrahmung der Siegelteile wurde fälschlicherweise als Anker gedeutet.
Wie die Münsterbauhütte den Alltag in Kehl beeinflusste und beispielsweise bestimmte, dass vor dem Gottesdienst kein Alkohol ausgeschenkt werden und die Übernachtung von Unverheirateten in einem Zimmer nicht geduldet werden durfte, wird auf den 32 Ausstellungstafeln dargestellt. Wer sich auf einen kleinen Spaziergang durch die Innenstadt begibt, erfährt darüber hinaus, wie Kehl durch die Zugehörigkeit zur Münsterbauhütte protestantisch wurde. Wichtigster Grundbesitz der Münsterbauhütte war der bei Sundheim gelegene Gutshof Niederweiler oder Nieder Weyher, den sie 1534 erwarb. Auch mehrere Kriege veränderten die Hoheits- und Eigentumsrechte der Münsterbauhütte in Kehl nicht. Erst nach der französischen Revolution verlor die Münsterbauhütte ihre Besitztümer in Kehl.

In den 1780er-Jahren hat die Münsterbauhütte ihren größten Besitz in Kehl kartografieren lassen.
Ausstellungseröffnung
Eröffnet wird diese besondere Ausstellung am Donnerstag, 8. Oktober, um 18 Uhr im Kultur-Café im Kulturhaus. Nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Wolfram Britz sprechen Dr. Sabine Bengel, Kunsthistorikerin der Münsterbauhütte (Fondation de l’Œuvre de Notre-Dame Strasbourg) sowie der Historiker und Autor Dr. Stefan Woltersdorff, der die Ausstellungstexte verfasst hat. Der Abend wird musikalisch umrahmt; der Eintritt ist frei.
Die dezentral angelegte Kehler Ausstellung, welche die Kehl Marketing unter Leitung von Christoph Hodapp organisiert hat, ist eine Ergänzung der großen Jubiläumsausstellung, die vom 16. Oktober bis zum 11. April im Straßburger Museum Œuvre Notre-Dame zur 800-jährigen Geschichte dieser einzigartigen Institution gezeigt wird.
Wer sich für die Arbeit der Münsterbauhütte interessiert, kann diese auch besuchen: https://www.oeuvre-notre-dame.org/page/visite-ateliers/


