Zum Hauptinhalt springen
Nachrichten aus Region meets Business

Abschluss der Internationalen Konferenz im Europäischen Parlament

„Die grenzüberschreitende Berufsausbildung soll für junge Menschen einfacher, attraktiver und zugänglicher werden!“

Auf Initiative des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) und des Pädagogischen Landesinstituts Rheinland-Pfalz trafen sich am 23. und 24. März im Europäischen Parlament in Straßburg Expert:innen aus verschiedenen europäischen Grenzregionen.

OFAJ

Im Fokus stand der Austausch über Potenziale und Herausforderungen der grenzüberschreitenden Berufsorientierung und Ausbildung. Während Auslandsaufenthalte unter Studierenden längst etabliert sind, ist der internationale Austausch in der beruflichen Ausbildung deutlich seltener – auch, weil die Hürden in diesem Bereich höher sind. 
Anlässlich des Projektabschlusses des Interreg-Projekts Regio Lab, das sich am Oberrhein drei Jahre lang für die Stärkung grenzüberschreitender Mobilität in der Berufsausbildung und -orientierung eingesetzt hat, wurden Erfolge und Fortschritte  präsentiert. Gleichzeitig diente die Konferenz dem Blick über den Tellerrand: Was lässt sich von Best-Practice-Beispiele aus anderen Regionen lernen?

Meilensteine in der Berufsorientierung am Oberrhein
Was auf der Internationalen Konferenz besonders klar wurde: Erfolgreiche grenzüberschreitende Projekte stehen und fallen mit einem starken Netzwerk aus engagierten und erfahrenen Partnern beider Länder. 
Regio Lab ist ein gelungenes Beispiel hierfür:  Drei Jahre lang haben 25 Akteure aus Schulen, der beruflichen und politischen Bildung und der Wirtschaft in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Grand Est zusammengearbeitet, um internationalen Austausch für Auszubildende weiter zu erleichtern und zu beleben. Meilensteine des Projekts wurden auf der Internationalen Konferenz im Straßburger Europaparlament vor mehr als 120 geladenen Gästen präsentiert, darunter Vertreter:innen  der EU-Kommission und des Europarats, von Kammern, Rektoraten und Unternehmen. 

So etwa das Orientierungsprogramm “Fit fürs Praktikum im Nachbarland – ein Schulversuch am Oberrhein”, das durch eine Kooperationsvereinbarung mit dem Bildungsministerium Rheinland-Pfalz und dem Kultusministerium Baden-Württemberg möglich wurde.
Ziel dieses Programms ist es, jungen Menschen bereits in der Berufsorientierungsphase Einblicke in die Arbeitswelt des Nachbarlandes zu geben und sie auf ein dortiges Praktikum vorzubereiten – durch branchenspezifische Betriebsbesichtigungen, interkulturelle Workshops, Unterstützung bei der Finanzierung, Praktikums- und Wohnungssuche sowie professionelle Beratung nach dem Praktikum. Diese mehrstufige Vorbereitung soll interessierte Schüler:innen begleiten und dazu beitragen, die Hemmschwelle vor einer grenzüberschreitenden Ausbildung zu senken und gezielt über berufliche Möglichkeiten am Oberrhein zu informieren. 

Das bestätigt auch Charlène Fischer, die nach einem Pflichtpraktikum im Nachbarland den praktischen Teil ihrer „alternance“ (frz., für eine duale Ausbildung) in einem Unternehmen (Cyberforum Karlsruhe) in Deutschland absolviert hat – als Einzige ihres Jahrgangs. „Die Unterstützung meiner Tutorin war dabei entscheidend; ohne sie hätte ich den Schritt 
wahrscheinlich nicht gewagt.“ Zwar gebe es durchaus administrative Hürden, doch es lohne sich: „Die Erfahrungen, die man in einer anderen Kultur und in einem anderen Land sammelt, wiegen das bei Weitem auf.“, berichtet Charlène, die nach ihrer Ausbildung einen unbefristeten Vertrag bekommen hat. Ohne Unterstützung in der entscheidenden Phase hätte ihr Weg ganz anders verlaufen können.

Im Fokus von Regio Lab lagen daher auch weitere Ansätze zur Berufsorientierung wie das Botschafterprogramm, gemeinsame Stände auf Ausbildungsmessen, Infotermine und ein deutsch-französischer Berufsbildungstag, der im vergangenen Jahr organisiert wurde. 

„Der Austausch zwischen verschiedenen Grenzregionen entspricht ganz dem Geist des Aachener Vertrags, der den Grenzräumen eine besondere Bedeutung beimisst. Gerade an der Schnittstelle zweier Kulturen entsteht eine wertvolle Vielfalt an Erfahrungen und Perspektiven. Nicht zuletzt nach den Einschnitten der Pandemie, deren Auswirkungen teilweise bis heute spürbar sind, sind solche Begegnungen wichtiger denn je. Grenzregionen sind echte Labore für Europa, in denen sichtbar wird, wie europäische Zusammenarbeit im Alltag funktioniert. Damit dieser Austausch weiterwachsen kann, ist eine EU-Förderung wie für das Interreg-Projekt Regio Lab entscheidend: Projekte wie Regio Lab schaffen Räume für grenzüberschreitende Erfahrungen insbesondere in der beruflichen Bildung und ermöglichen es jungen Menschen so, Europa konkret zu erleben und aktiv mitzugestalten.“, so DFJW-Generalsekretär Tobias Bütow. 

OFAJ

Best Practices aus anderen europäischen Grenzregionen
In drei Workshops bot die Konferenz außerdem Gelegenheit, sich mit Akteur:innen  anderer europäischer Grenzregionen auszutauschen. Dabei wurden erfolgreiche Ansätze in der Berufsorientierung und Ausbildung diskutiert – auch mit Blick darauf, was sich auf den Oberrhein übertragen lässt. 

So etwa das Projekt “Pro Motion’GR” aus der SaarLorLux-Region, das eine ganz andere Strategie verfolgt: Um den Schritt über die Grenze zu wagen, braucht es nicht nur etablierte Ausbildungsprogramme, sondern auch Begegnungen mit Jugendlichen aus dem Nachbarland. Das Programm setzt daher neben grenzüberschreitenden Ausbildungsmodulen auf gemeinsame Erlebnisse und Kulturveranstaltungen, um vertrauter im Umgang mit den Nachbarn zu werden. 

An der deutsch-dänischen Grenze hat das Projekt “Steps” zum Ziel, ganz branchenspezifisch Mobilitätsprogramme im MINT-Bereich zu entwickeln, anstatt auf allgemeine Programme zu setzen. Ein Beispiel: die praxisorientierte Vermittlung von Kreisbogenmessungen – einem klassischen Thema der mathematischen Ausbildung. Im Rahmen einer Case-Study zur Windenergie arbeiten dabei Auszubildene direkt mit Unternehmen aus der deutsch-dänischen Grenzregion zusammen.  

Eine ganz andere Linie fährt man mit dem Projekt Eurojob an der deutsch-polnischen Grenze: Hier wird systemisch geschaut, wie Qualifikationen und berufliche Kompetenze beidseits der Grenze anerkannt werden und welche gemeinsamen Qualifikationen in welchen Schlüsselsektoren gebraucht werden. Ein Online-Tool soll währenddessen einen Leitfaden für Arbeitgeber und -nehmer bereitstellen, wie bestimmte Qualifikationen anerkannt werden können. 

Das Interreg-Projekt Baserriberri hat gezeigt, dass Doppelzertifizierungen bereits gut funktionieren und gleichzeitig das kulturelle Erbe einer Region stärken können. In einem alten Bauernhaus entstand im Baskenland ein Schulungszentrum für arbeitslose Jugendliche und Erwachsene. Dort können sie eine Zusatzqualifikation in Holzverarbeitungstechniken erwerben, die sie für die Restaurierung traditioneller Gebäude wie baskischer Bauernhäuser - sogenannte Baserri – befähigt. Die Zertifizierung wird sowohl in Spanien als auch in Frankreich anerkannt und eröffnet Menschen, die zuvor keinen Platz auf dem Arbeitsmarkt gefunden hatten, neue berufliche Perspektiven.

Die Zusammenarbeit zwischen Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden ist schon einen Schritt weiter: Hier sind grenzüberschreitende Zertifikate im Rahmen des Projekts „Euregio Mobility” nicht nur eine Option, sondern in beiden Ländern fest in den Stundenplan der Berufs-kollegs integriert. 

Angesichts der Vielfalt an innovativen Konzepten in Europa wurde schnell deutlich: Grenzregionen spielen eine Schlüsselrolle im europäischen Wettbewerb und Arbeitsmarkt, doch innovative Konzepte entstehen nur gemeinsam im ständigen Austausch.

Grenzüberschreitende Aus- und Weiterbildung von der EU gefördert  
Die Europäische Kommission unterstützt die Mitgliedstaaten bei der Modernisierung der beruflichen Aus- und Weiterbildung, um sie stärker an die Anforderungen des Arbeitsmarktes wie den digitalen und grünen Wandel und den Fachkräftemangel anzupassen. Die sogenannte Erklärung von Herning (2025) definiert für 2026 – 2030 zentrale Ziele, darunter eine stärkere Verbindung zwischen Berufsbildung und Arbeitsmarkt sowie eine Ausweitung der Mobilität, der Zusammenarbeit und der internationalen Dimension in der beruflichen Aus- und Weiterbildung in ganz Europa.  Das Ziel der EU-Kommission ist klar: 12% der Azubis sollen im Laufe ihrer beruflichen Bildung Erfahrungen im Bereich internationaler Mobilität sammeln. Derzeit liegt der Anteil bei nur 5%.  

Doch zentrale Fragen bleiben – und mit ihnen die Herausforderung, Lösungen zwischen Anspruch und Realität zu finden: Wie können Anreize und Rahmenbedingungen für Auslandsaufenthalte von Auszubildenden geschaffen werden, damit Grenzregionen wirtschaftlich bestmöglich profitieren und Berufsbildung attraktiver wird? In einem Kontext sehr unterschiedlicher Berufsbildungssysteme und Abschlüsse, deren Anerkennung oft schwieriger ist als im Hochschulbereich, stellt sich zudem die Frage, ob künftig länderübergreifend konkrete berufliche Kompetenzen bescheinigt werden sollten, damit Arbeitnehmer jeden Alters ihren Beruf auch im Nachbarland ausüben können. 

Ergebnisse und Stimmen zur Konferenz
Über 120 Teilnehmer:innen – darunter Vertreter:innen der Europäischen Kommission, des Europarates, des Bundesinstituts für Berufsbildung, der OECD sowie der Eurochambres als Dachverband der europäischen Industrie- und Handelskammern – waren sich auf der Internationalen Konferenz einig: Der Austausch über Landesgrenzen und Fachbereiche hinweg ist essenziell, um neue Interreg-Projekte zu initiieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. 

Ein positives Fazit zog auch der Projektleiter von Regio Lab, Frédéric Schmachtel: „Ich freue mich sehr, dass die Konferenz den Blick über den Tellerrand ermöglicht und den Austausch über mehr Mobilität in der Berufsausbildung gefördert hat. Die Impulse waren auch für das geplante Folgeprojekt von Regio Lab zur grenzüberschreitenden Berufsbildung am Oberrhein sehr wertvoll. Zugleich zeigte der breitere Fokus der Konferenz, wie lohnend es ist, über die eigene Region hinauszuschauen.“

Eine Tendenz ließ sich erkennen, ganz gleich in welcher Region Europas:  Sobald die erste Hürde überwunden wird und ein Austausch mit dem Nachbarland stattgefunden hat, wollen alle Beteiligten – Lehrende, Betriebe und Azubis gleichermaßen – diese Erfahrung wiederholen.

Quelle: abc context media consulting

Auch interessant:

Anzeige

Anzeige