Menschen eine Stimme zu geben, das war schon immer die Mission von Judith Grümmer.
TEDx Freiburg – 10 Jahre Erfolgsgeschichte. Hier zeigen die verschiedenen Referentinnen und Referenten aus unterschiedlichsten Blickwinkeln, wie produktiv Spannung sein kann und welche Chancen darin verborgen liegen. Mit dabei ist in diesem Jahr erstmals Judith Grümmer, Fernsehjournalistin und Hörfunkmoderatorin. 2014 erhielt die engagierte Sozial-Unternehmerin das Bundesverdienstkreuz für ihre Arbeit und den Aufbau der Familienhörbuch gGmbH.

Judith Grümmer
Die Familienhörbuch gGmbH ist eine unabhängige und gemeinnützige Organisation mit Sitz in Köln. Ihr Interview für „Region im Blick“ hat mich bewegt, der Anlass für ihre Idee ist traurig: eine furchtbare Diagnose und junge Eltern, die sich fragen müssen „Was bleibt von mir?“. Gleichzeitig ist diese Idee so wunderbar nachhaltig, dass sie auch mich tief berührt. Und weil diese Hörbücher für die ohnehin schon stark belasteten Familien kostenfrei sein sollen, ist das Sozialunternehmen auf Spenden und Fördergelder angewiesen, die hier echtes Glück und Liebe schenken können.
2019 gründete sie die Familienhörbuch gGmbH, um unheilbar erkrankten Müttern und Vätern mit einer professionell erstellten Autobiografie Raum zu gebenden, ihre eigene Geschichte den verbliebenen Kindern und Enkeln zu erzählen. „Ich möchte eine Stimme geben“, sagt Judith Grümmer im Interview, was selbstverständlich auch jungen Leuten gilt, die unheilbar erkrankt sind. Was kann man seinem Kind, seinen Kindern Schöneres und Wertvolleres hinterlassen, als ein persönliches, intimes, individuell berührendes Hörbuch?
Die Familienhörbücher schenken den Kindern ein persönliches Vermächtnis voller Erinnerungen, Lebenserfahrungen und Zuneigung. Für die Eltern bedeutet der Aufnahmeprozess häufig Klarheit, Halt und wertvollen Austausch, gerade in einer Zeit, die von Krankheit, Schmerz und Abschied geprägt ist.
Aus Judith Grümmers ursprünglichem Ein-Frau-Projekt ist inzwischen ein wachsendes Sozialunternehmen geworden: Über 50 engagierte Audiobiografen und ebenso viele Sounddesigne produzieren die Familienhörbücher. Mehr als 700 Teilnehmende wurden bereits ins Projekt aufgenommen.

Teamfoto
Dazu bedarf es einer speziellen Ausbildung, denn nur zertifizierte Autoren schickt Judith Grümmer in den Einsatz, der oft unter erheblichem Zeitdruck aufgrund fortschreitender Krankheit, erfolgen muss. Wissenschaftler begleiten das Projekt, eine Forschung zu finanzieren sei ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb ist Judith Grümmer auf Ehrenamt und Sponsoren angewiesen. Von Woche zu Woche vergibt sie Spendengelder, um die Arbeit von Autoren Audiobiografen und Sounddesigner einen Obolus zu ermöglichen finanzieren zu können – viele Stunden stecken in solch einem Hörbuch, um es professionell aufzuarbeiten.
„Palliativpatienten haben oft keine Warte-Zeit mehr und Gelder können nur ausgegeben werden, wenn sie da sind“, erklärt Judith Grümmer, die nach wie vor davon überzeugt ist, dass es auch in Zukunft gelingen kann, dieses Zukunftsgeschenk an früh verwaiste Kinder solidarisch und aus der Mitte unserer Gesellschaft zu finanzieren. Im vergangenen Jahr konnten 161 Hörbücher realisiert werden – bisher inzwischen 768. 768 Aufnahmen, die der Nachwelt erhalten sind mit liebevollen Worten, Originaltönen und Geschichten, die sonst in Vergessenheit geraten würden. „Was ich dir eigentlich noch erzählen wollte…“ ist so wichtig, gerade auch im Hinblick auf kleine Kinder. „Jedes Leben ist erzählenswert, auch das von jungen Menschen“, fügt sie an – „denn es ist ein Stück Zeitgeschichte.“ Das Angebot ist für die Projektteilnehmer kostenfrei.
Judith Grümmer hat selbst fünf Enkelkinder, die für den nötigen Ausgleich und Abstand sorgen – denn ihre Berufung ist mit viel Traurigkeit aber noch mehr mit den existentiellen Themen des Lebens verbunden. Ansonsten liebt sie Theater, Musik und Natur. Gerne hat sie auch noch ein paar weitere Fragen beantwortet.

Judith Grümmer
Was bedeutet es für sie als Speakerin allgemein zu wirken, zu arbeiten?
„Die Frage, was es für mich bedeutet, ist recht einfach zu beantworten: Ich sehe es als großartige Gelegenheit, um noch mehr Menschen für das Thema „Erinnerungen speichern" zu sensibilisieren und Schwerpunkte in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, die bislang wenig Beachtung bekommen. Trauer, Sterben, Tod, das sind Dinge, die wir gerne ausblenden möchten und doch sind sie Teil des Lebens und wir gewinnen so viel, wenn wir wertschätzen lernen, was eine Beschäftigung mit dem, was bleibt, uns schenkt.“
Wie ziehen Sie Ihr Publikum in den Bann? Welche Mittel nutzen Sie dabei?
„Ich setze auf das, was meine, unsere Arbeit bestimmt: Die Stimme. Sie ist so ein einzigartiges Element und ich bin davon überzeugt, dass sie mehr als nur das gesprochene Wort übermittelt.“
Was versprechen Sie sich von Ihrem Auftritt in Freiburg zum 10-Jährigen?
„Im März in Freiburg will ich vor allem Herzen und Türen öffnen. Wege zu sich selbst, zu seinen Liebsten und selbstredend auch ein Stück weit zum Familienhörbuch als Angebot, das eine Lücke in unserem Gesundheitssystem besetzt, das bislang nicht in der Regelversorgung vorgesehen ist und doch so viele Menschen mit dem, was ist versöhnt.“
Tragen Sie persönlich die Geschichten ins Privatleben?
„Eine solche Arbeit kann nicht spurlos an Menschen vorbeigehen, auch nicht an mir. Gleichzeitig sind es vielmehr diese Spuren, die mein heutiges Selbst ausmachen. Spannenderweise ist es für mich und mein Team mitnichten traurig. Es ist eine sehr lebendige und in weiten Teilen auch fröhliche Arbeit, denn wir dürfen mit Hilfe von unseren Unterstützern so viele wunderbare Erinnerungen speichern und erleben, wie Familien wieder mehr miteinander ins Gespräch gehen und richtiggehend feiern, was bereits gemeinsam erlebt wurde.“
Und persönlich, was ist Ihr Lebensmotto?
„Mein persönliches Lebensmotto hat mir eine meiner ersten Projektteilnehmerinnen quasi geschenkt. Sie hat gesagt: „Das, was ich bis jetzt geschaffen habe, das ist ein starkes Fundament und darauf werde ich nun mein Leben tanzen.“
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IBAN: DE52 3806 0186 4906 5620 10
BIC: GENODED1BRS
www.familienhoerbuch.de


