GOIN: I SPRAY FOR YOU

Die erste Solo-Show eines Street-Art-Künstlers in einem deutschen Kunstverein

Wer neue, ungewohnte Kunst entdecken will, ist beim Mannheimer Kunstverein e.V. (MKV) traditionell an der richtigen Adresse. Und 2021 beginnt gleich mit einem Paukenschlag. Mit der Ausstellung „I Spray For You“ des in Frankreich geborenen Künstlers GOIN, einem der führenden Protagonisten der internationalen Streetund Urban-Art-Bewegung, präsentiert der MKV die erste und bislang einzige Solo-Show eines Street Artists in einem Kunstverein überhaupt.

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Wer es als Künstler schafft, hier zu überzeugen, dem steht die große Welt der Kunst offen. Die ebenso umfangreiche wie repräsentative Werkschau „I Spray For You“ zeigt 40 Arbeiten GOINs aus den letzten 25 Jahre. Das gab es in dieser Form bisher noch nicht zu sehen.

„I’m an enraged artist!“
GOIN, im öffentlichen Raum seit 1996 aktiv, machte sich unter seinem heutigen Pseudonym in der StreetArt-Szene ab 1999 einen Namen. Zur ungefähr gleichen Zeit als auch Banksy die große Bühne betrat. Seine Paste Ups, Cut Outs, Schablonen- sowie freien Arbeiten waren anfänglich vor allem in Frankreich, mit wachsender Bekanntheit zunehmend auch über die Landesgrenzen hinaus zu sehen. Den Mann hinter der Kunst kennt allerdings kaum jemand. Wie die meisten Akteure der Street- und Urban-Art-Szene bevorzugt auch er die Anonymität. Im Mittelpunkt seiner Kunst steht immer die Botschaft, nicht die Person. Sich selbst bezeichnet GOIN, der der Legende nach lediglich zwei Paar Schuhe besitzt und sich konsequent vegan ernährt, als Anarchist und Aktivist. Statussymbole sind ihm egal. Er sei ein „enraged artist“, der auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen wolle. Das Kapital aus dem Verkauf seiner Werke nutze er lediglich dafür, neue Kunst zu erschaffen. Seine Mission sei es die Menschen aufzurütteln und so seinen Teil dazu beizutragen die Welt ein kleines bisschen besser zu machen. GOINS Kunstform, die Street Art, eine emanzipierte Form der Graffiti-Kultur, gilt unter Kunsthistorikern als eine der wichtigsten Kunstbewegungen seit dem Punk der 1970er-Jahre. Zu den Vorreitern des Genres zählen Künstler wie Keith Haring und Jean-Michel Basquiat, die schon früh gesellschaftskritische Statements in den öffentlichen, urbanen Raum setzten. Kunst-Aktivisten der Gegenwart wie Banksy, Shepard Fairey aka Obey Giant oder eben auch GOIN stehen genau in dieser Tradition. Was sie neben ihren technischen Stilistiken eint, sind ihre Ideale und ihr subversiv interventionistisches Kunstverständnis. Ihr Ziel: den Kunstbetrieb demokratisieren, den zunehmend kommerzialisierten öffentlichen Raum zurückerobern und so zum öffentlichen Diskurs anzuregen. Ihr Werkzeug, die Street Art. Ihre Themen: Ungleichheit, Dekadenz, Gewalt, (Macht-)Missbrauch, Krieg, Umweltzerstörung und Korruption.

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Das Stendhal-Syndrom
GOIN gelingt es in seinen visuell mächtigen Metaphern und in der plakativen Komprimierung seiner Botschaften den Gemütszustand und die berechtigten Zweifel einer ganzen Generation spielerisch zu artikulieren. Sein Werk greift damit auch ein zentrales Motiv der Dada-Bewegung auf: Die Revolte als Mittel zum Zweck. GOIN schabloniert das, was ihn in unserer Gesellschaft stört, und fordert das Publikum auf, alle Haltungen mit dogmatischen Tendenzen zu hinterfragen. Provozierend und wirkungsvoll sind seine Bildfindungen und treffen dabei inhaltlich genau ins Schwarze. Die künstlerische Vielschichtigkeit in GOINS Werken, sein Humor und Sarkasmus sind unter Sammler und Liebhabern berühmt berüchtigt. Welche Schlüsse man daraus zieht, überlässt er allerdings dem Betrachter.
In der Regel hängen die Kunstvereine ihre Ausstellungen selbst. Im Falle von „I Spray vor You“ überlies der MKV GOIN-Kurator und Künstlermanager Kim Hof das Feld, einem der wenigen engen Vertrauten des öffentlichkeitsscheuen Street Artists. Hof spricht in diesem Zusammenhang vom Stendhal-Syndrom,
psychosomatische Störungen wie Herzrasen, Ohnmacht oder sogar Halluzinationen, die Ende der 1980erJahre in Florenz beobachtet wurden als Menschen von der extremen Fülle an künstlerischen und kulturellen Eindrücken überwältigt waren. „Diese emotionale Ausnahmesituation möchte wir mit der Ausstellung triggern“, sagt er. „Beim Hängen der Bilder vertiefe ich mich mit lauter Musik deshalb in die Rolle des Betrachters. Schon beim Aufbau habe ich Menschen weinen sehen. Diese Kraft entfaltet nur die Kunst.“

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Die Grenzen ausloten
„Street Art funktioniert wie eine Open-Source-Software“, sagt MKV-Kurator Alexandre Goffin vom. „Es gibt keine gesellschaftlichen Regeln. Eine Schablone cutten und man ist dabei.“ Entsprechend viel Konkurrenz gibt es, qualitativ aus der Masse hervorzustechen ist schwer. Die Kunst von der Straße in einem ausstellbaren Rahmen auf die Leinwand zu bringen, ist eine Gratwanderung, an der schon viele Talente gescheitert seien, so Goffin. Eine umso größere Leistung sei es, diesen Spagat handwerklich so elegant zu meistern wie GOIN. „Wer mit Sinn und Verstand für die Kunst durch die Welt geht, erkennt auf Anhieb die besondere handwerkliche Qualität und den hohen Anspruch in GOINs Arbeiten.“ Das macht junge Gegenwartskunst wie die Street Art zunehmend auch für Museen und private Galerien interessant. So ist seit Mitte der 1990er-Jahre wieder ein verstärktes Interesse an der Arbeit der Kunstvereine zu beobachten. Verschiedene Modelle der Förderung und Beteiligung geben ihnen heute den Freiraum zu experimentieren und so ihrem traditionellen Anspruch gerecht zu werden neuen künstlerischen Ausdrucksformen, welche noch nicht vom Markt absorbiert wurde, eine Plattform zu geben. Wer es als Künstler schafft, hier zu überzeugen, dem steht die große Welt der Kunst offen. Der Mannheimer Kunstverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, jungen Künstlern diesen Weg zu eröffnen. „Wir verstehen uns nicht als Alternative zum Museum“, sagt Alexandre Goffin. „Wir sind institutionelle Spürnasen und versuchen immer einen Schritt voraus zu sein.“ Entsprechend stolz ist er den Besuchern nun die erste SoloShow eines Street Artists in einem deutschen Kunstverein präsentieren zu können und gemeinsam mit GOIN die Grenzen der klassischen Kunstszene weiter auszuloten.

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Wichtig aus aktuellem Anlass!
Sobald es die im Gesetz vorgegebenen Inzidenzzahlen erlauben, werden wir die Ausstellung unter  Einhaltung der jeweils geltenden Hygieneregeln öffnen. Im Netz werden wir bis dahin die Ausstellung virtuell präsentieren und begleiten– sozusagen als ästhetischen Appetizer und Vorgeschmack für das nicht ersetzbare, analoge Erleben dieser einzigartigen wie sehenswerten Ausstellung des französischen Street- und Urban Art Künstlers GOIN.

Zur Ausstellung ist ein umfangreicherer Werkkatalog im J. S. Klotz Verlagshaus zum Preis von 39,90 € inkl. MwSt. plus Versand entstanden. Er enthält unter anderem Beiträge der Kuratorin und Kunstexpertin Yasha Young, von Banksy-Kurator und Kreativkopf Tristan Manco sowie des ehemaligen Artprice-Directors Kurt Ehrmann.  www.klotz-verlagshaus-shop.de

Text/ Bilder: Mannheimer Kunstverein  e.V