Auch Tattostudios kämpfen um ihre Existenz

TATTOOSTUDIOS INTO THE LIGHT in Lörrach

Tattoo-Studios bleiben wegen der Corona-Pandemie vorerst immer noch geschlossen. Aktuell wurde eine Klage vor dem Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Mannheim gegen die Schließung von Fitness- und Tattoostudios abgelehnt. Die Betreiber eines Tattostudios und eines Fitnessstudios hatten beim Verwaltungsgerichtshof jeweils einen Eilantrag gegen Untersagung ihres Betriebs eingereicht, laut Gericht führe eine Öffnung zu einem erheblichen Anstieg der Sozialkontakte und der Infektionsgefahren über die Kreisgrenzen hinaus.

ihrmachtunsnackt fbihrmachtunsnackt / © Markus Edgar Ruf

Für die Tattoostudios ist das nicht nachvollziehbar. Die Hygienebestimmungen sind gegeben, das Desinfizieren von Arbeitsutensilien und Arbeitsflächen und die Verwendung sterilem Einwegmaterials sind Standard in jedem Studio. Das Thema Hygiene gehört zum Alltag sowie seit Corona das Tragen einer Maske beim Tätowieren. Durch eine fehlende Lobbyarbeit und einem leider immer noch gesellschaftlichen angestaubten Verruf ist das uralte Kunsthandwerk in der Corona-Krise in Vergessenheit geraten.

In einem stillen Protest unter dem Hashtag #ihnmachtunsnackt protestieren derzeit Tätowierer und Tätowiererinnen nur mit einem Schild bekleidet und meist in winterlicher Kulisse, nackt in den sozialen Medien. Mit ihrer Aktion wollen sie auf die schleppenden Auszahlungen aufmerksam machen und innerhalb kürzester Zeit hat die virale Aktion schon viele Nachahmer gefunden. Unter dem Hashtag #ihrmachtunsnackt findet man auf Instagram, hunderte Beiträge von Tattoo Künstlern. Es ist ein Protest der Branche gegen die stockenden Auszahlungen der Corona-Hilfen, denn die fehlende Hilfe bricht vielen Tattoo-Studios das Genick. Man muss davon ausgehen, dass die Versäumnisse von Bund und Ländern einer Vielzahl von Tattoostudios die berufliche Existenz kosten wird.

Into the Light Colour 93Tara beim Tätowieren (das Bild ist vor Corona entstanden) ©Markus Edgar Ruf

Über die Auswirkungen, die Aktion #ihnmachtunsnackt, eine mögliche Öffnung und wirtschaftliche Auswirkungen haben wir mit Lemmi vom „Into the Light“ Tattoostudio in Lörrach gesprochen.

Was denken Sie über dieses Urteil und den Punkt, dass ab dem 1.März 2021 Friseure wieder öffnen dürfen Tattoo Studios aber nicht? Was waren ihre ersten Gedanken, als Sie von diesem Beschluss gehört haben?

Lemmi: Es ist schade, dass das uralte Kunsthandwerk des Tätowierens (Beispiel Ötzi oder skythische Eisprinzessin) in unserer Gesellschaft immer noch so einen geringen Stellenwert hat. Und dass, obwohl mittlerweile ca. 30% der Deutschen (und sogar 50% der 18-25-Jährigen) tätowiert sind. Man glaubt offen-sichtlich, wir es wird immer noch in Kellern irgendwelcher Rocker-Clubs tätowiert. Dabei ist unsere Branche die erste, die europaweit einheitliche Normen für die Hygiene in Tattoo-Studios erarbeitet hat (DIN EN 17169). Die darin festgelegten Standards übertreffen sogar die Anforderungen des Robert Koch Instituts für medizinisches Personal im Umgang mit COVID-19 Patienten.

Mit ihrer Aktion #ihrmachtunsnackt haben Sie für Aufsehen gesorgt. Können Sie diesbezüglich nochmal ein wenig ins Detail gehen und die Hintergründe ihrer Protestaktion beschreiben ?

Lemmi: Dazu findest Du alles auf unserer Website: https://www.intothelight.tattoo/ihr-macht-uns-nackt/

Wer hatte die Idee zu dieser Aktion?

Lemmi: Begründer der Aktion war ein Tätowierer aus Bayreuth, Dawid Hilgers.

Welche Tattoo Künstler und Studios sind bei dieser Aktion mitinvolviert?

Lemmi: Mittlerweile nehmen über 600 Tätowierer teil und es werden täglich mehr.

Into the Light Colour 73©Markus Edgar Ruf

Was bedeutet die Corona-Pandemie für die Tattoo Studios? Wie geht es denn nun weiter? Was ist ihre Einschätzung zum weiteren Verlauf der Pandemie und der Zukunft der Tattoo-Szene?

Lemmi: So wie wir mit die Ersten waren, die geschlossen wurden, werden wir wohl auch die Letzten sein, die wieder öffnen dürfen. Das ist unsere Befürchtung und der Vorstoß von Martin Söder in Bayern bestätigt dies. Es ist uns vollkommen unverständlich, warum z.B. Nagelstudios öffnen dürfen, Tätowierstudios mit einem deutlich besseren und vor allem etablierterem Hygienekonzept jedoch nicht. Wir gehen jedoch davon aus, dass mit voranschreitender Impfung irgendwann wieder so etwas wie Normalität einkehren wird und wir unseren Beruf wieder ausüben dürfen. Doch eines sollte jedem klar sein: Corona mit seinen Mutationen wird es auch noch in 5 Jahren geben. Rein sachlich machen wir uns keine Sorgen, da unsere Branche hygienisch sehr gut aufgestellt ist. Was die Politik jedoch daraus macht, bleibt abzuwarten.

Die Krise ist für die Tattoo-Szene ein harter wirtschaftlicher Schlag. Es gelten in den Tattoo Studios sehr hohe Hygienestandards, das wäre doch schon ein Grund mehr die Studios wieder öffnen zu dürfen?

Lemmi: Absolut! Und die Nachbarländer Österreich und Schweiz machen es vor. In der Schweiz durften selbst zu den Hochzeiten der Inzidenzwerte Kosmetik- und Tätowierstudios weiterarbeiten, ohne dass dies sich in irgendeiner Weise negativ auf das Infektionsgeschehen ausgewirkt hätte.

Into the Light Colour 49©Markus Edgar Ruf

Was bedeutet der Lock down zum einen für „Into the light Tattoo“ und zum anderen für die Branche im Allgemeinen und wie seht ihr eure Rolle in einem solchen Szenario?

Lemmi: Für uns, wie für viele andere Kollegen ist diese Lockdown Zeit eine erhebliche wirtschaftliche Belastung. Wir sind bundesweit recht gut vernetzt und wissen bereits jetzt von vielen Kollegen, die ihr Studio für immer schließen bzw. Insolvenz anmelden mussten. Wir selbst hatten kurz vor dem 1. Lockdown erst in erheblichem Umfang in das Studio investiert und viel Zeit und Energie in einen Neustart gesteckt, der dann nicht nur einmal (23. März 2020), sondern gleich zweimal (2. Nov. 2020) jäh unterbrochen wurde. Unsere Newcomerin fing gerade an, so richtig durchzustarten und wurde dabei voll ausgebremst. Wir bekommen täglich Anfragen von unseren Kunden, wann es denn nun weitergeht und wissen nicht, was wir noch sagen sollen. Für viele in unserem Studio ist das Tätowieren die Haupteinnahmequelle für die ganze Familie. Wir werden diese schwierige Zeit aufgrund unserer Rücklagen überstehen. Die finanziellen Folgen daraus werden wir aber noch in Jahren spüren. Für die Branche bedeutet diese Zeit ein massiver Vertrauensverlust in die Politik und deren Bereitschaft, für die Basis der Wirtschaft und des Wohlstands aller, den Kleinunternehmern, wirklich zu sorgen. Man bezeichnete uns (zusammen mit allen anderen Branchen, die vom 2. Teillockdown betroffen waren) in einem Urteil des OVG Mannheims als „Randbereiche der Wirtschaft“. Das trifft unser Bild in den Reihen der Politik wohl sehr gut.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich von der Bundesregierung und wie sehen Sie die Zukunft der Tattoo Studios?

Lemmi: Wir würden uns wünschen, wenn wir nicht anhand von überholten Klischees, sondern anhand harter Fakten beurteilt würden. Und Fakt ist: Das Tätowieren ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen (wenn auch vielleicht nicht bei den über 60-jährigen). Fakt ist auch, dass unsere hygienischen Standards, mit denen von Arztpraxen absolut mithalten können, auch schon vor Corona.

Haben Sie zum Schluss noch einen Satz, den Sie der Szene in diesen ungewöhnlichen Zeiten mitgeben möchten?

Lemmi:  Durchhalten Leute, wir machen die Welt bunter!

Into the Light Colour 57Wir machen die Welt bunter!©Markus Edgar Ruf

Daniela Hiebel im Gespräch mit Lemmi
Bilder: Markus Edgar Ruf