IHK-Konjunkturbericht: Lichtblicke in der Industrie, dunkle Wolken beim Gastgewerbe und Einzelhandel

Der externe Schock der Covid 19-Pandemie hat die deutsche Wirtschaft 2020 in die schwerste Wirtschaftskrise seit mehr als zehn Jahren gestürzt.

Trotzdem haben sich zum Jahresbeginn 2021 die pessimistischen Prognosen aus dem Frühjahr 2020 nicht bewahrheitet. Vor allem das Baugewerbe und Teile der Industrie verzeichnen am Oberrhein wieder einen steigenden Auftragseingang. Auch die gesamtwirtschaftliche Erholung setzt sich mit verlangsamtem Tempo fort. Hingegen ist die Stimmung im Gastgewerbe, Teilen des Einzelhandels und der Dienstleistungswirtschaft im Keller. Das zeigt der regionale Konjunkturbericht der IHK Südlicher Oberrhein zum Jahresbeginn 2021.

Corona Crash

Der erneute Lockdown bremst die wirtschaftliche Erholung merklich aus. 28 Prozent aller Unternehmen der Region mussten in diesem Zusammenhang einen Rückgang des Eigenkapitals hinnehmen. Trauriger Spitzenreiter der Branchen ist das Hotel- und Gastgewerbe, bei dem der Anteil mit 65 Prozent doppelt so hoch liegt. Aber auch in der Verschlechterung des Branchenratings (19 Prozent) oder dem zunehmenden Ausfall von Forderungen (15 Prozent) werden die finanziellen Auswirkungen der Pandemie sichtbar.

„Wir werden als südlicher Oberrhein diese Krise überstehen, da unsere Wirtschaftsregion gut diversifiziert ist. Industrie, Großhandel oder auch die Baubranche können im Moment arbeiten. Es gibt jedoch auch Branchen, für die es sehr kritisch ist, wie der Einzelhandel, die Hotel- und Gastronomiebranche oder die Messe- und Veranstaltungsbranche. In diesen Branchen werden tausende Unternehmen unverschuldet in die Pleite gehen“, sagt Dr. Steffen Auer, Präsident der IHK Südlicher Oberrhein bei der Vorstellung der Ergebnisse des Konjunkturberichts im Rahmen eines Pressegesprächs.

Der Index der Geschäftserwartungen verliert zwei Punkte und bleibt mit minus fünf Punkten weiterhin im negativen Bereich. Mit 48 Prozent erwarten fast die Hälfte der Unternehmen 2021 keine Rückkehr zur normalen Geschäftstätigkeit oder können den Rückkehrzeitpunkt derzeit schlicht nicht einschätzen. Differenziert man diesen Aspekt nach Branchen, zeigt sich erneut, wie unterschiedlich die verschiedenen Unternehmen von der Pandemie getroffen wurden. So liegt der Anteil der Bauunternehmen, die bereits das Vorkrisenniveau wieder erreicht haben, bei 42 Prozent. Demgegenüber kann dies im Hotel- und Gastgewerbe kein einziges Unternehmen behaupten.

Im Hinblick auf die Risiken der wirtschaftlichen Entwicklung bleibt die dominante Sorge – besonders der Dienstleistungsbranchen – die Inlandsnachfrage. Mit einem Anteil von 53 Prozent sorgt sich aktuell mehr als die Hälfte der Unternehmen darum, dass im Zuge der Pandemie die fehlende Nachfrage nach den Gütern und Dienstleistungen im Inland das eigene Geschäftsmodell bedrohen könnte. Damit sinkt der Wert zwar leicht ab, bleibt jedoch höher, als er vor der Covid 19-Pandemie war. Auf Platz zwei der Risikofaktoren nennen 37 Prozent der Unternehmen den Fachkräftemangel. „Obwohl die Arbeitslosigkeit zugenommen hat und viele Betriebe derzeit mit einer kompletten Schließung ihrer wirtschaftlichen Aktivität umgehen müssen, gibt es also durchaus noch einen beachtlichen Teil, der an die Einstellung zusätzlicher Fachkräfte denkt“, erklärt Dr. Dieter Salomon, Hauptgeschäftsführer der IHK Südlicher Oberrhein. Die gesamtwirtschaftliche Erholung setzt sich mit verlangsamtem Tempo fort. So steigt der Index der Geschäftslage von fünf auf sieben Punkte an, so dass die Unternehmen mit guter Geschäftslage mit einem Anteil von 33 Prozent erneut knapp in der Mehrheit gegenüber jenen mit schlechter Geschäftslage (26 Prozent) sind.

In der regionalen Differenzierung innerhalb des Kammerbezirks lässt sich erstmals wieder ein stärkeres Gefälle erkennen. So bewertet der Südbezirk mit seinen zwei Landkreisen und der Stadt Freiburg die aktuelle Lage deutlich besser als die Ortenau. 36 Prozent der Betriebe im Süden haben eine gute Geschäftslage, während es in der Ortenau nur 29 Prozent sind. Auch der Anteil der Unternehmen mit schlechter Geschäftslage liegt in der Ortenau um fünf Prozentpunkte höher.
Die ganze Hoffnung kommt derzeit aus der Industrie. Nachdem sich schon zum Herbst die erste Erholung in der Industrie abzeichnete, kann dieser Trend zum Jahresbeginn 2021 bestätigt werden. Der Index der Geschäftslage gewinnt erneut 13 Punkte hinzu und liegt nun wieder im positiven Bereich bei sechs Punkten – die Unternehmen mit guter Geschäftslage (29 Prozent) sind also gegenüber jenen mit schlechter (24 Prozent) in der Überzahl. Differenzierter ist die aktuelle Situation im Handel zu betrachten. Während zahlreiche Einzelhändler zu Beginn des Umfragezeitraums im Zuge der Covid-Krise schließen mussten, konnten andere Unternehmen der Branche wie der Großhandel oder der Lebensmittelhandel trotz dieser Ausnahmesituation teilweise sogar steigende Umsätze erzielen. So geben insgesamt 39 Prozent der Handelsunternehmen eine gute Geschäftslage an, 24 Prozent hingegen eine schlechte. Vor allem aber die Geschäfts-erwartungen sind im Zuge der erzwungenen Schließung vieler Einzelhandelsgeschäfte eingebrochen. Der Index stürzt von minus sechs auf minus 34 Punkte ab und liegt damit noch niedriger als im Sommer des vergangenen Jahres (minus 19 Punkte).

„Die Lage ist existenzbedrohend“, betont Henrike Beck, Geschäftsführerin von Stiegeler Schlafkomfort in Freiburg. Mit ihrem Team von mehr als 20 Mitarbeitern hatte sie direkt zum Start der Pandemie ein Hygienekonzept erarbeitet. „Neben Masken, Plexiglaswänden und Desinfektionsspendern haben wir auch Luftreinigungsgeräte angeschafft und eine Fiebermessstation eingerichtet“, erklärt Beck. „Die Spielregeln der Politik ändern sich jedoch ständig und die Zwangsschließungen müssen wir als Unternehmer selbst vorfinanzieren. Zudem sind die Öffnungskonzepte ungerecht: ein Optiker darf öffnen, während dies uns verwehrt wird, obwohl wir mit unserem Angebot der Liegeberatung und Körpervermessung für gesunden Schlaf sorgen und somit ebenfalls dem Gesundheitsaspekt zugeordnet werden könnten“, sagt die Unternehmerin. Auch dass die Überbrückungshilfe III zu bürokratisch und zu spät ausgezahlt wird, hat die Lage für viele Unternehmen dramatisiert. „Von unbürokratischer Vorgehensweise kann hier nicht die Rede sein“, war das Fazit von IHK-Präsident Auer.

Was die aktuelle Lage für den Modehandel konkret bedeutet, legt Hans-Georg Meier, Geschäftsführer von Meierfashion in Rheinhausen, dar. „Uns wurde mit den Schließungen die Geschäftsgrundlage entzogen. Im Jahr 2020 hatten wir im Vergleich zum Vorjahr ein Umsatzminus von 31 Prozent, dies entspricht 1,2 Millionen Euro Verlust. Das Aufbrauchen von privaten Vermögensbeständen und die Aufnahme von Darlehen können hier nicht die einzige Lösung sein – das bringt uns in größte Existenznot“, erklärt Meier. Zudem steht der Unternehmer vor einem weiteren Problem: „Bei Modewaren, die wir nach sechs Wochen nicht abverkauft haben, entsteht ein großer Wertverlust. Für die Abschreibungen brauchen wir klare Regeln.“ Beck und Meier fordern von der Politik eine zeitnahe Öffnungsstrategie und damit eine Chance für den Einzelhandel, mit ihren ausgearbeiteten und meist bereits finanzierten Konzepten um ihr Überleben zu kämpfen.

Text: IHK Freiburg
Bild:Canva