Der Hype um den Fotografen Sebastian Wehrle – „Region im Blick“ hat ihn im März 2018 an dieser Stelle portraitiert – nimmt aktuell nicht ab, sondern eher zu.

Alte Trachten aufgepeppt und in Szene gesetzt, das ist das offene Geheimnis.

Uhrenträger A6Diese geniale Idee hat allerdings zwei Väter und das ist neben dem Fotograf Sebastian Wehrle auch der Modedesigner Jochen Scherzinger, mit dem „Region im Blick“ heute spricht. Heutzutage sind die beiden „Macher“ allerdings nicht mehr vereint, sondern getrennt und vor Gericht bezüglich des Miturheber- und Urheberrechts.

Modedesigner Jochen Scherzinger von dem Label „Artwood“ ist heute unser Mann bei „Baden bewegt“. 2012 hat er im tiefsten Schwarzwald in der Nähe von Gütenbach, sein Modelabel gegründet und einst auch mit Sebastian Wehrle zusammengearbeitet. In Mannheim Modedesign studiert, konnte Scherzinger seine größten Leidenschaften Mode, zeichnen und Fotografie zum Beruf machen – „Modedesign war die beste Entscheidung meines Lebens“.

 „ Was verbindet Sie mit Baden?“

A6 RIBScherzinger: „Ein sehr altes Haus in einem sehr hübschen Tal und 13 Hektar eigenes Grundstück. Über meinen Urgroßvater gibt’s ne Geschichte. Er war scheinbar mal knapp bei Kasse und hätte sich eigentlich vom Grundstück trennen müssen. Er hat gesagt: „Jedes Stück Wald und Wiese, das ich durch meine eigenen Fenster sehe, soll auch mir gehören“. Die Geschichte beeindruckt mich seit je her und stärkt womöglich meine Verbundenheit zur Heimat ebenso lange“.

„Was bedeutet Baden für Sie?“

Scherzinger: „Auf meinem Werdegang  gab es Stationen in Koblenz, Mannheim und Essen. Ich habe, egal wo ich war, meinen Dialekt nie ganz abgelegt. Ich habe mich sprachlich lediglich so angepasst, dass man mich versteht. Dialekte bedeuten Zugehörigkeit, Vielfalt und Besonderheit – ich mag Zugehörigkeit, Vielfalt und Besonderheit!  In Düsseldorf wurde ich bei einem Bewerbungsgespräch mal gefragt, wie ich das mit meinem Dialekt in den Griff kriegen wolle. Ich habe gegengefragt, ob denn davon ausgegangen wird, dass ich krank wäre. Sie haben mich nicht eingestellt – zum Glück! Eine weitere Erfahrung ist  -und diese teile ich sicherlich mit vielen anderen Badnern - unterhalte dich im deutschsprachigen Raum mit einer fremden Person und sie hält dich für einen Schwaben. Die Leute entsprechend aufzuklären, dass es da kleine aber feine Unterschiede gibt, macht enorm Spaß und die kleinen feinen Unterschiede sind es doch auch, die uns alle aus- und so speziell machen. Ich bin gerne Badner!“

„Was bedeutet Heimat für Sie?“

Scherzinger: „Keine andere Frage, wird mir häufiger gestellt. Ich habe mir die Frage aber selbst noch nie gestellt. Für mich ist Heimat etwas Selbstverständliches, was nicht „gewöhnlich“ bedeuten soll.  Ich liebe meine Heimat über alles. Jede unserer Arbeiten ist eine Hommage an sie“.

„Wie kam es zu Ihrer Popularität?“

2 Die Musik RIBScherzinger: „Als ich vor der Gründung meines Labels ARTWOOD (2012) meinen Leuten erzählt habe, was ich vorhabe; in meinem kleinen Tal im tiefsten Schwarzwald, auf knapp 1000 m ü. NN ein Modelabel zu gründen, haben mich alle für verrückt erklärt. Das klappt auf keinen Fall, hieß es aus aller Munde. Dabei ist es doch genau das Unkonventionelle was uns ausmacht und was viele so an uns schätzen. Zu diesem Enthusiasmus, Idealismus und dem authentischen Alleinstellungsmerkmal des Standorts „Hübschental“, kam wohl hinzu, dass niemand vor uns so intensiv mit der Kombination aus Tradition und Moderne gearbeitet hat.
Hinzu kam die Auseinandersetzung mit einer völlig neuen Bildsprache des Schwarzwalds, die wir zusammen mit unserem damaligen Fotografen entwickelt haben. Die Bildsprache zeigt den Schwarzwald dunkel, düster und mystisch – so wie ich ihn bis heute empfinde, im positiven Sinne.

Aus diesem neuen und authentischen Bild-Look, kombiniert mit meiner Auseinandersetzung mit Schwarzwälder Trachten zu Studienzeiten, entstand die allseits bekannte Schwarzwälder Trachtenfotokampagne. Junge, gepiercte und tätowierte Damen tragen Schwarzwälder Tracht. Die Kombination aus Tradition und Moderne – wie bei ARTWOOD seit 2012.

Leider ist der Fotograf Sebastian Wehrle, den wir zu dieser Kampagne ausgewählt haben, dazu übergangen, sich als alleiniger Macher der Serie auszugeben. Die Bilder sind leider streitig vor Gericht, was ich sehr bedauere. Unsere anderen Kampagnen wie HERZLAND oder aktuell 8BIT HEIMAT SHIT, erfreuen sich aber glücklicherweise einer vergleichbaren Beliebtheit und tragen genauso dazu bei, dass der Output aus dem Hübschental uns ein regelrecht kultiges Image verleiht“.

„Woher kommen die Ideen – die Grundidee?“

9 Der Glasmann RIBScherzinger: „Ich hab in Mannheim Modedesign studiert. Meine Abschlussarbeit war eine Schwarzwaldkollektion, mit Trachteneinfluss. In jeder anderen Kollektion davor, hab ich so viel meiner Schwarzwälder Heimat einfließen lassen, wie möglich. Das Prinzip „Schwarzwald auf Textil“ ist keine Erfindung von uns. Das Prinzip gibt’s schon ewig aber es war immer touristisch. Der Schwarzwälder zieht aber keine Touri-Sachen an. Wir machen Klamotten für den Schwarzwälder. Darüber freut sich auch der Tourist. Woher meine Ideen kommen, ist übrigens auch so eine Frage, die mir sehr oft gestellt wird. Ich kann Ihnen allerdings nicht erklären, woher sie kommen. Sie sind einfach da!“ 

„Weitere mittelfristige Ziele/Wünsche?“

Jochen Scherzinger PortraitScherzinger: „2018 und 2019 werden richtungsweisende Jahre für uns. Der Schwarzwaldhype hat einen Level erreicht, der für mich in vielen Fällen schon gruselige Züge annimmt. Wir müssen uns wieder mehr abheben, spezieller werden und uns wieder rarer machen. Die Kunst hat es mir gerade sehr angetan. Hier kann ich völlig frei arbeiten und das im Unikatbereich – genau mein Ding!“

„Was tun Sie gegen Nachahmer?“ 

Scherzinger: „Noch geilere Sachen!“

„Was tun Sie zum Abschalten?“

Scherzinger: „Ich ziehe mich zurück und gehe mit meinem Hund laufen. Ich brauche die Abgeschiedenheit und die Ruhe hier in meinem Tal. Einfach mal keine Gespräche zu führen und still zu sein, ist herrlich. Ich könnte mich tagelang mit mir allein beschäftigen und zu keinem Zeitpunkt wäre mir langweilig. Allein zu sein ist eine Kunst, die leider immer mehr in Vergessenheit gerät“.

Unter www.artwood.de  findet man weitere Informationen und die Kollektionen.

 

Quelle: Heike Scheiding/Fotos:Artwood