Marina Georgieva liebt Bolzplätze. Und verblüffte Gesichter.

„Zunächst rollen die Jungs die Augen, wenn man mitspielen will“, sagt die 22-Jährige. Doch das ändert sich meist schnell, dann werden die Augen groß und ihre Mitspieler wundern sich, wie schnell ihnen das Mädchen mit allen möglichen Fußball-Tricks zeigt, wo es lang geht.

Warum sie diese beherrscht? Ganz einfach: Marina ist Fußball-Profi.  „Es macht Spaß, wenn man unterschätzt wird“, grinst sie. Aktuell spielt die österreichische Nationalspielerin in der Abwehr für den SC Sand in der Bundesliga, zusammen mit zwei weiteren Nationalspielerinnen aus ihrem Heimatland. Für ihre Karriere und ihren Erfolg ist sie in ihrem jungen Leben deshalb bereits acht Mal umgezogen: „Ich wollte unbedingt ins Ausland.“ IMG 20200118 WA0013Marina Georgieva

Bevor sie im Sommer 2018 zum SC Sand kam, spielte Marina für den 1. FFC Turbine Potsdam. Ein Leben ohne ihre Familie war sie da schon gewohnt: Statt Mama und Papa spielen die Teamkolleginnen eine tragende Rolle in ihrem Leben. Vicki beispielsweise, die sie schon aus dem Sportinternat SKN St. Pölten kennt, das beide in Österreich besucht haben. „Ich musste mich entscheiden“, erinnert sich die Fußballerin. Als Kind hat sie außer Fußball gespielt auch musiziert – aber beide Talente für eine professionelle Karriere zu entwickeln, war zeitlich nicht zu leisten. Da es zuhause ein Vorbild gab – die ganze Familie, selbst die Mutter, spielte - war die Sache bald zugunsten des Sports entschieden: „Und ich konnte einfach nicht ohne einen Ball sein: Das hat mir mehr als alles andere Spaß gemacht und ich ging total im Fußball auf.“ Dass sie Profi werden will, hat sie schon früh gewusst. Ihre Eltern haben sie unterstützt: „Sie haben gesagt, dass ich das erreichen kann, wenn ich ganz fest daran glaube und alles in meiner Macht Stehende dafür tue.“

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Das tat sie: Im Internat wechselten sich Unterricht und Sport im zweistündigen Rhythmus ab. „Eigentlich ein krasses Modell“, sagt Marina rückblickend. Andererseits passte das zu ihrem persönlichen Ehrgeiz: Sie kam in die U17 und später in die U19 von Österreich. Und sie lernte, sich zu fokussieren: „Ich gebe nie auf.“

Freunde, die sie motivieren, sind für die 22-Jährige deshalb wichtig. Eine Verletzung, ein Spiel auf der Bank statt in der Aufstellung oder andere Zwischenfälle „und Körper und Psyche leiden: Dann ist es wichtig, dass jemand da ist, der einen versteht“. Der Profisport hat mit dem ausgelassenen Spiel auf dem  Bolzplatz nicht mehr viel zu tun: „Es ist wirklich nicht für jeden.“ Als sie zum ersten Mal in einer reinen Frauenmannschaft kickte, verstand sie ihre Fußballwelt nicht mehr. „Die Spielerin hat tatsächlich den Ball nicht angenommen, weil ihr der Pass nicht präzise genug war“, erinnert sie sich. Das sei einer der großen Unterschiede: „Die Frauen wollen den Ball technisch perfekt und am besten auch noch ästhetisch.“ Die Männer sind da toleranter, steht für Marina fest.

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Perfektion hin, Freestyle her - wenn’s ums Geld geht, liegen die Frauen deutlich hinter ihren Kollegen.

Kämpfen müsste man eigentlich auch gegen die Ungerechtigkeiten im Sport, findet sie. „Wenn ich ein Junge wäre, hätte mir längst ein Sponsor ein Auto vor die Tür gestellt“, sagt sie. Aber weil sie im Frauenfußball in allen Ebenen wenig(er) Sponsorengelder fließen, muss sie selbst noch ihre Sport-Ausrüstung wie etwa die Stollenschuhe bezahlen. Im Frauenfußball werden kleinere Brötchen gebacken, stellt sie klar. Weniger Förderung, weniger Verdienst, weniger Zuschauer. „Mit Glück sind bei den großen Spielen – also etwa bei dem Spiel, als sie bei der Europa-Meisterschaft der Frauen 2017 um Platz drei spielte - 10000 bis 15000 Leute im Stadion.“ Dieses sei auch vom Feld her für die Frauen überdimensioniert, räumt die Sportlerin ein.

„Körperlich können wir nicht so viel laufen wie die Männer, deshalb scheint unser Spiel auf dem großen Feld langsamer“, erklärt Marina. Das Spielfeld besser dem Frauenkörper anzupassen, kann da Abhilfe schaffen und den Sport schneller und interessanter machen, findet sie. Und vielleicht bringt auch ein Blick nach Skandinavien die nötigen Veränderungen: „Dort ist auch der Frauenfußball voll akzeptiert.“ Auch in den USA bestünde mehr Interesse daran – und es gebe entsprechend mehr finanzielle Ressourcen.

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Aktuell kann Marina von ihrem Fußballtalent leben – und sie ist davon überzeugt, dass der Sport etwas Gutes bewirken kann. „Deshalb bin ich für Team4Winners unterwegs“, sagt sie. Mit dem von Rotary- und Lions-Clubs geförderten Sportprojekt an Schulen in der Region sollen Teamgeist und Fairness vermittelt und die Kinder integriert werden.

Als Übungsleiterin sorgt sie dafür, dass der Sport seinen Trumpf ausspielt und rund 500 Schüler aus allen Schichten und Nationen verbindet.          Da sie selbst nicht überall sein kann, koordiniert sie die Übungsleiter bei ihren Einsätzen 30 Gruppen an 25 Schulen in der weiteren Region, pflegt die sozialen Netzwerke und fungiert überdies als Botschafterin des Integrationsprojekts Team4Winner. „Man kann Kindern beibringen, zu hassen oder zu lieben“, ist sie überzeugt, dass Fußball einen positiven Einfluss auf die Gruppendynamik hat.

Der Teamgeist, sagt sie, hält auch den SC Sand zusammen. Als die Spielerinnen, die außer in der Bundesliga auch in der Regionalliga Süd und der Landesliga Staffel 1 erfolgreich sind, ihren Verein mit einem Wort beschreiben sollten, sagte sie durch die Bank weg „familiär“. Die beste Voraussetzung, um noch einiges mit dem Team zu erreichen, sagt sie. Ein klarer Kopf und ein Fokus sind im Sport wichtig, findet Marina. Sie wollte immer fürs Österreichische Nationalteam spielen, und nun richtet sie den Blick schon auf die Europa-Meisterschaft: „Ich hoffe, wir sind 2021 bei der EM dabei.“

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Team4Winners

Logo V2 team4winnersTeam4Winners e.V. / Ein Integrationsprojekt
Sport ist gut! Nicht nur, weil er gesund für Körper und Seele ist – Sport verbindet auch. Über alle Grenzen hinweg:
Hautfarbe, Nationalität, Bildung, sozialer Status, Sprache und manchmal sogar körperliche Handicaps sind einfach nicht wichtig! Mit dem Sozialprojekt „Team4Winners e.V.“ leistet der Rotary Club Offenburg-Ortenau einen wesentlichen Beitrag zur Integration von Kindern, die Grenzen erfahren – aufgrund einer sozial schwächeren Herkunft oder aufgrund eines Flüchtlingsschicksals.

DIE IDEE:
Ein Angebot für Schulkinder von 6 bis 18 Jahren zu schaffen, das in Zusammenarbeit mit den Schulen ein intensives Erlebnis des Miteinanders bietet. Auf dem Sportplatz, in der Turnhalle, auf der Aschenbahn oder ganz egal wo sind alle gleich. Jeder gibt sein Bestes. Vor allem bei Spielen im Team. Interaktion und der gemeinsame Spaß schaffen enge Kontakte. So hat Sport schon immer funktioniert!

DAS KONZEPT:
Team4Winners e.V. finanziert und organisiert Übungsleiter, die das Fundament für das sportliche Angebot sind. Das ist nicht ganz einfach. Woman- und Man-Power fehlen in allen Vereinen – wir freuen uns über jeden, der regelmäßig ein Training abhalten kann. Die Initialzündung zur Teilnahme am Sport geben die Schulen. Sie kontaktieren aktiv die Eltern der in Frage kommenden Kinder, stellen Räume, Equipment und Möglichkeiten zur Verfügung.

DAS ZIEL:
Mit Sport soziale Grenzen überwinden, die Gesundheit fördern und ganz nebenbei auch noch Talente für Vereine zu sichten – und dem Sport zu dem zu verhelfen, was er am besten kann: Menschen verbinden, Menschen unterhalten,Gemeinschaftsgefühl erzeugen!

Bilder: Marina Georgieva

Text: Bettina Kühne