Deutschlands größtes Straßentheaterfestival tête-à-tête feiert vom 29. Mai bis 3. Juni 2018 sein 25-jähriges Jubiläum in Rastatt

Künstlerische Leitung Kathrin Bahr Julia von Wild Daniela Buchholz 5 002Beim internationalen Straßentheaterfestival tête-à-tête vom 29. Mai bis 3. Juni 2018 werden in der Barockstadt Rastatt ca. 150.000 Besucher und 47 Künstlergruppen aus 16 Nationen erwartet, die an fünf Tagen und sechs Nächten in 270 Shows eine atemberaubende Mischung aus Artistik, Tanz und Performance auf die Straßen und Plätze der Stadt zaubern – darunter 16 Premieren. Die künstlerische Leitung haben zum zweiten Mal die beiden Bremerinnen Kathrin Bahr und Julia von Wild, die seit ihrem gefeierten Debut 2016 das tête-à-tête als Bühne für aktuelle Strömungen der Outdoor Arts und des zeitgenössischen Zirkus etablieren. Sie sehen das tête-à-tête als Plattform für innovatives Straßentheater, als künstlerischen Ideenpool und treiben die internationale Vernetzung des Festivals weiter voran. 

Kurz vor ihrer zweiten Festivalausgabe haben wir die beiden künstlerischen Leiterinnen interviewt:  

Seit der Festivalausgabe 2016 haben Sie die künstlerische Leitung übernommen. Welche Schwerpunkte verfolgen Sie bei der Programmauswahl und der Konzeption des tête-à-tête 2018?

Als das Festival vor 25 Jahren Premiere feierte, konnte man nicht ahnen, dass sich daraus das größte deutsche Straßentheaterfestival mit international renommierten Künstlern entwickeln würde. Die Barockstadt Rastatt ermöglicht diese Erfolgsgeschichte zusammen mit treuen und großzügigen Kooperationspartnern und Sponsoren aus der Region, sowie erstmals der Baden-Württemberg Stiftung, dem Förderverein tête-à-tête Rastatt e.V. und vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Wir möchten den Beginn des Interviews nicht ungenutzt verstreichen lassen, uns bei allen herzlich für ihren Einsatz zu bedanken.
Mit einer spektakulären Pyro-Show der französischen Compagnie Les Commandos Percu im Ehrenhof des Rastatter Schlosses wird das Jubiläum gebührend gefeiert. Wie der Name der Künstlergruppe bereits verrät, handelt es sich um Percussionisten, die in ihrem neuesten Stück Silence! ein postapokalyptisch anmutendes Feuerwerkskonzert entzünden.

Ein programmatischer Schwerpunkt ist im Jubiläumsjahr Frankreich. In den 90er-Jahren hat das tête-à-tête als deutsch-französisches Festival gestartet und mit den französischen Produktionen möchten wir daran erinnern. G. Bistaki, die Stars der französischen Performance-Szene, schicken das Publikum auf eine skurril choreographierte Reise, in der Mais eine besondere Rolle spielt. Cirque la Compagnie zeigt waghalsige Akrobatik auf Tonnen, Balken, am Chinese Pole und kombiniert dies charmant mit Poesie und Gesang. Die drei Künstlerinnen von Cie Mesdemoiselles verbinden in Memento poetische Artistik auf faszinierende Weise mit den drei Zyklen des Lebens: Geburt, Leben und Tod. Cie Dyptik tanzen mitreißenden Hip-Hop und Les Goulus präsentieren in Tchernocircus eine liebevoll provokant augenzwinkernde Satire auf den wilden Osten.

Außerdem rücken wir die nachfolgende Generation ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Unter dem Motto Dein Style gibt es verschiedene Aktionen und Produktionen für ein junges Publikum. Erstmals weht in einem Festivalareal ein Hauch von circensischer Bronx und urbaner Kultur – zum Zuschauen & Mitmachen.  Zu Dein Style gehört auch das EU-Projekt Power of Diversity, an dem 10 Rastatter Tänzer*innen zwischen 16 und 25 teilnehmen und zusammen mit 30 Tänzern aus ganz Europa die Platzinszenierung Crossing Lines performen – Eintritt frei! Straßentheater kennt keine Grenzen!

Welche Idee steckt hinter dem europäischen Kooperationsprojekt Power of Diversity?

Das Gemeinschaftsprojekt Power of Diversity mit neun Festivalpartnern aus ganz Europa von Norwegen über Russland, Großbritannien und den Kanarischen Inseln ist Teil des Creative Europe Programms und wird zu 50% von der EU Kommission gefördert. Rastatt ist zum ersten Mal Teil eines derartigen EU-Projektes, mit dem die Stadt einen bildungspolitischen Auftrag erfüllt. Die Großproduktion Crossing Lines ist einer der Höhepunkte des diesjährigen Festivals. Neben dem künstlerischen Schwerpunkt, der das Überschreiten von Grenzen in den Mittelpunkt rückt, sich dabei der Stilmittel Artistik, Schauspiel, Hip-Hop und Rap bedient, ist das Ansprechen von jungem Publikum und dessen Einbindung Ziel des Projektes.

Wie 2016 findet im Rahmen des Festivals auch eine Fachveranstaltung statt. Was kann man sich darunter in diesem Jahr vorstellen?

Das tête-à-tête als größtes Festival in Deutschland ist natürlich nicht nur für die eingeladenen Künstlergruppen interessant, sondern auch für Veranstalter, Booker und weitere Fachbesucher ein Treffpunkt. Die Fachtagung bietet Open Sessions, Masterclass, Cultural Funding 4.0, Impulsvorträge, Networking. Bei Welcome to Germany! gibt es die Möglichkeit, einen Überblick über zeitgenössischen Zirkus und Theater im öffentlichen Raum in Deutschland von zwei starken Frauenstimmen – Jenny Patschovsky/INZ Initiative Neuer Zirkus und Clair Howells/Bundesverband Theater im öffentlichen Raum - zu erhalten. Der katalanische Choreograph und Tänzer Quim Bigas wird mit seiner belebenden Intervention Moving with effect Bewegungsideen für den beruflichen Alltag beisteuern. Diese Methode stärkt das Verstehen, lenkt die Wahrnehmung auf die verschiedenen Arten des Zuhörens und öffnet den Weg zu den vielfältigen Modi des Zusammenseins. Mit dem Workshop Cultural Funding 4.0 by Toni Caradonna gibt dieser einen Einblick in die Welt der Bitcoins und Ethereum. Eine Einführung in die Blockchain-Technologie als Möglichkeit zur Finanzierung von kulturellen Projekten. 

Bedienen sich viele Veranstaltungen im Rahmen des Festivals der non-verbalen Kommunikation?  

Ja, vieles ist visuell. Das ist vermutlich eine Kernqualität von Straßentheater, dass es eher mit bildlicher Sprache arbeitet, als mit dem gesprochenen Wort. Bei der Internationalität des Programms bietet sich das natürlich auch an. Einige Programmpunkte sind aber auch mit Sprache. Dies ist dann im Programmheft explizit ausgewiesen.

Haben Sie Zeit, sich während des Festivals Auftritte von Künstlern anzuschauen?

Wenn wir in der Vorbereitung einen guten Job gemacht haben und das Wetter keine Kapriolen schlägt, dann sollte das theoretisch sogar möglich sein. Doch selbst wenn Zeit dafür ist, die innere Ruhe fehlt meistens trotzdem.

Was sind die größten Herausforderungen bei der Konzeption und Durchführung eines Straßentheaterfestivals?

Die Organisation arbeitet monatelang im Büro am Computer in einem kleinen Team und zum Festival hin ändert sich alles: Das Arbeitsfeld wechselt vom Büro nach draußen, wo das Festival dann stattfindet. Der Aufbau beginnt, die Techniker strömen aus, bestücken die Spielorte in der Stadt mit Strom, Licht und speziellen Aufbauten, die Stadt wird geschmückt, es wächst das Team um die vielen Festivalhelferinnen und Helfer an, die Künstler reisen an. Kurz - hier zeigt sich, ob das, was wir in der Theorie geplant haben, in der Praxis gut umzusetzen ist und ob es beim Publikum ankommt. Das ist jedes Mal aufs Neue spannend.

 Quo vadis Straßentheater? Welche Entwicklung würden Sie sich für die Straßentheaterszene in den nächsten Jahren wünschen?

Das Genre Straßentheater ist vielfältig. Egal ob Theater, Tanz, Akrobatik, Performance, Clowning oder Comedy - der vereinende Nenner ist der Spielort, nämlich der öffentliche Raum. Diesen Raum zu bespielen heißt, ihn den Menschen für einen kurzen Moment zu geben und das ist eigentlich ein sehr altes Konzept, das immer noch Wichtigkeit besitzt und das von den Menschen gerne angenommen wird. Das beweisen die immensen Besucherzahlen, deren sich das Theater im öffentlichen Raum erfreut, während die hochsubventionierten Stadttheater mit schrumpfenden Besucherzahlen zu kämpfen haben. Allein schon die Besucherzahlen sprechen für die gesellschaftliche Relevanz dieser Kunstform, deren Akteure leider wenig bis keine Förderung erfahren. Wenn es nach uns geht, sollte sich dies ändern.

Praktische Informationen zum Festival, Hinweise zu den Spielstätten und Ticketverkauf finden Sie unter: www.tete-a-tete.de.

Bild© Daniela Buchholz

Text:abc context media consulting